Nachlese: Alles Walzer, revisited

1. Februar 2008, 14:33
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Katalog zu der von Christian Maryska kuratierten Ausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek

Wer auch immer sich vielleicht angesichts der Berichterstattung über den Opernball 2008 nach der "guten alten Zeit" zurücksehnen mag, dem sei die Lektüre des Buches "Alles Walzer" zu der gleichnamigen, noch bis 3. Februar laufenden, von Christian Maryska kuratierten Ausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek, die Originale von Redouten- Gschnas- und Ballplakaten erstmals der Öffentlichkeit präsentiert, empfohlen. Aus einer Zeit, in der Society noch unter Gesellschaftsleben firmierte, welches sich im Abhalten und Besuchen von Bällen anstelle von Events darstellte, stammen die im Band versammelten Exponate, quasi Zeitdokumente im Vexierspiegel des bourgeois definierten Hedonismus.

Sehnsucht nach Walzerseligkeit

Die Wiener Sehnsucht nach Walzerseligkeit, gerade in Zeiten politischer, wirtschaftlicher und sozialer Turbulenzen, in denen der Wunsch nach Abwechslung im Rausch der Festivitäten, zahlloser Bälle und Redouten im Gegensatz zum tristen Alltagsleben gipfelte, ist anhand der Ankündigungsplakate, großteils in exzentrischem Hochformat, für Litfaßsäulen konzipiert, illustriert. Der Zeitrahmen der Retrospektive reicht von 1914 bis 1955, wobei über die Hälfte der Plakate aus den frühen 20er-Jahren stammt. Modernismus im grafischen Ausdruck, in der Exzentrik der entwickelten Formate und der Bildsprache kennzeichnen die Werke. Die hohe Kunst der Gebrauchsgrafik mittels Reduktion auf das Wesentliche wurde perfektioniert. Einen besonderen Fokus liefert der Band in der Präsentation des Grafikers, Malers und Bühnenbildners Bernd Steiner, der 1920 die "Wiener Graphische Werkstätte" gründete, und mit seinen opulenten Bildern den Glamour der 20er-Jahre vergegenwärtigt. Die temporäre Ausblendung der realen Verhältnisse durch überladene Aufladung der Plakate funktionierte vor allem auch durch künstlerische Handfertigkeit. Tristesse blieb ausgeblendet, Realität verleugnet, ignoriert. Eine erfundene Tradition, der Glanz des Barock und Rokoko und die bittere Realität des Inflationismus spiegeln sich in den Details wider, wenn zum Beispiel vermerkt wird, dass alle Ballsäle beheizt seien.

Revue, Cabaret und Theater

Ein Zeitphänomen ist auch die Integration von Revue, Cabaret und Theater ins Balltreiben. Namen wie Egon Fridell, Alfred Polgar oder Fritz Grünbaum scheinen in Programmen auf. Aber Achtung. Auch damals waren, zumindest auf den Illustrationen, nackte, aus zu knappen Dekoletees hüpfende Brüste und transparente Stoffe schmückendes Beiwerk der Protagonisten. Ein Nipplegate der Roaring Twenties sozusagen. Kein Geringerer als Karl Kraus vermerkte lapidar "Frau Fanto trägt ein Ecru-Crème-Crepe-Souplékleid" und Ludwig Hirschfeld konstatierte 1927 "Auf diese Repräsentationsbälle ging man, um am nächsten Tag in der Zeitung zu stehen." Quod erat demonstrandum. (Gregor Auenhammer, DER STANDARD - Printausgabe, 1. Februar 2008)

  • Christian Maryska: "Alles Walzer", Christian Brandstätter Verlag, Wien 2007, 224 S., 19,90 Euro.
    foto: brandstätter verlag

    Christian Maryska: "Alles Walzer", Christian Brandstätter Verlag, Wien 2007, 224 S., 19,90 Euro.

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