"Cloverfield": Viel gesehen, nichts erkannt

5. Februar 2008, 14:34
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Was nach der Katastrophe übrigbleibt: Der US-Mystery-Thriller "Cloverfield" aus dem Hause J. J. Abrams

Wien – Ein lauer Maiabend in Manhattan. In einem Loft steigt eine Abschiedsparty. Plötzlich wackeln die Wände, der Strom fällt kurz aus. Es rumst, und spätestens als einigen Schaulustigen auf dem Dach des Gebäudes große Feuerbälle entgegenfliegen, scheint es angebracht, sich schleunigst aus dem Staub zu machen.

Die Stadt wird von etwas Großem, Übellaunigem heimgesucht. In früheren Kinoabenteuern hießen solche wandelnden Katastrophen Godzilla oder King Kong, und die Filme drehten sich vor, während und nach der verheerenden Attacke auch um Ursachenerhebung, Schadensbegrenzung, menschliches Versagen, wissenschaftlich-militärisch-politische Entgleisungen oder Besuch aus dem All.

Katastrophe im Bild

In Cloverfield hingegen spielt all das keine Rolle. Die Evakuierung läuft an, die Medien berichten, das Militär rückt vor. Die trotzdem eher pessimistische Einschätzung der Lage durch die Soldaten bleibt eine Randnotiz. Dafür dreht sich hier alles um das Wahrnehmungserlebnis und die Perspektive – und weniger um irgendeinen Erkenntnisgewinn:

Wir sind nämlich nicht nur bei den jugendlichen Zivilisten, die völlig unvorbereitet in eine undurchsichtige, und nicht allein deshalb bedrohliche Situation geraten. Wir sehen auch noch mit ihren Augen – die Bilder auf der Leinwand sind jene Aufnahmen, die ein manischer Digicamamateur aufgezeichnet hat. (Und die nunmehr zum Aktenbestand einer US-Regierungsbehörde gehören.)

Entsprechend wackelt das Bild – und zwar nicht erst, wenn sich Hud (T. J. Miller), der Filmer, mit seinen Freunden flüchtend in Bewegung setzt. Die Party etabliert bereits den Wahrnehmungsmodus eines herumschweifenden, unruhigen Blicks, der Unschärfen produziert, abrupt den Fokus verlagert, oft erst erkennt, was er sieht, wenn er eine Zeit lang draufhält. Dazu kommen als Effekt der physischen Bewegung des Kameramanns stürzende Bilder und Räume, ein Gefühl von Desorientiertheit. Und schließlich das Eigenleben der Kamera, deren nervös zuckender Autofokus an einer entscheidenden Stelle wie eine emotionale Regung erscheint.

Überraschungshit

Wer nun an einen Überraschungshit namens Blair Witch Project denken muss, liegt schon ganz richtig. Das Team hinter Cloverfield hat Erfahrung mit derlei Mystery und deren Spannungsdramaturgie, zu der man auch die Geheimnistuerei im Vorfeld des Filmstarts zählen muss: Produzent J. J. Abrams, Autor Drew Goddard und Kameramann Michael Bonvillain sind auch für das komplizierte TV-Serienrätsel Lost verantwortlich. Regisseur Matt Reeves und Abrams Wiederum haben sich gemeinsam die College-Serie Felicity ausgedacht.

Mit Cloverfield ist ihnen nun ein kompakter Genrefilm gelungen, mit einer angemessenen Länge von rund 80 Minuten. Und bei einem Budget von geschätzten 25 Millionen US-Dollar können sie schon jetzt zufrieden auf ein Einspielergebnis in der Höhe von rund 80 Millionen blicken. (Isabella Reicher/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.02.2008)

  • Panik in Manhattan, Yuppies auf der Flucht (Lizzy Caplan, vorn links) - in einer derartigen Situation hat der Amateur hinter der Kamera andere Sorgen, als das Bild scharfzustellen: "Cloverfield" von Matt Reeves.

    Panik in Manhattan, Yuppies auf der Flucht (Lizzy Caplan, vorn links) - in einer derartigen Situation hat der Amateur hinter der Kamera andere Sorgen, als das Bild scharfzustellen: "Cloverfield" von Matt Reeves.

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