Die Hochschulstrategie der Industriellenvereinigung: Mehr Macht
für Uniräte und Master-Zugangshürden
Wien - "Uns ist auch der Humboldt wichtig", beteuerte der Präsident der
Industriellenvereinigung (IV), Veit Sorger, bei der Präsentation des
hochschulpolitischen Zukunftspapiers der IV am Donnerstag. Aber der
dominierende Ton im Plan für die "Hochschulen für die Zukunft" (www.iv-net.at)
klingt doch sehr nach Wirtschaftsjargon. So sollen die Rektoren laut Sorger
künftig "wie ein CEO agieren können", also als Chief Executive Officer wie
Vorstandsvorsitzende handeln. "Und wir wollen einen Universitätsrat, der wie ein
Aufsichtsrat agieren kann" - und entsprechend gestärkt werden soll.
"Deutlich aufgewertet" sollten die externen Uni-Aufsichtsräte etwa bei der
Bestellung des Rektors und der strategischen Ausrichtung der Uni werden. OMV-
Generaldirektor Wolfgang Ruttenstorfer, der die IV-Gruppe mit 120 Vertretern
aus Industriebetrieben leitete, sagte dazu: "In der Stärkung des Unirats liegt
Potenzial - er kann Qualitäts- und Leistungsstandards leichter beachten als
andere Organe." In der Unigesetz-Novelle sei die Stärkung von Unirat und
Rektorat "zentrales Anliegen".
Bei der Bestellung der Uniräte sollte mehr auf Qualifikation, denn auf Prominenz
geachtet werden, ergänzte IV-Bildungschef Gerhard Riemer.
Die IV-Hochschulstrategie definiert vier Ziele und sieben "Reform- und
Handlungsfelder". Ganz oben auf der Ziel-Pyramide steht die internationale
Wettbewerbsfähigkeit der Hochschulen. Es folgt das Ziel "Mehr und besser
qualifizierte Absolventinnen und Absolventen" - und das in Hochschulen, die als
"unternehmerische Einrichtungen" verstanden werden. Als viertes Ziel verordnet
die IV Österreichs Hochschulsystem, dass es "alle Potenziale und Talente
identifizieren und fördern soll".
Anfänger und Abnehmer
Auf der Bachelor-Ebene soll der Zugang frei bleiben, ab dem Master-Studium
plädiert die Industrie für Zulassungsverfahren. Um die als nur "durchschnittlich"
kritisierte "Qualität in Lehre und Forschung" zu verbessern, empfiehlt das Papier
neben einer "Qualitätssicherungs-" oder "Akkreditierungsagentur" für den
gesamten Hochschulbereich die "verstärkte Bindung der Mitteldotierung an die
Erreichung von Qualitätskriterien" und "Evaluierung der Qualität der Lehrenden
durch Studierende sowie Abnehmer (Industrie)".
Die Betreuungsrelationen müssten verbessert und die Leistungsvereinbarungen
mit dem Ministerium "deutlich verschärft" werden. Generell fehle in Österreich
eine übergeordnete Gesamtplanung für den Hochschulbereich insgesamt, beklagt
die Industriellenvereinigung.
Ein Aspekt, der die IV besonders irritiert, ist das Ost-West-Gefälle bei der
Ausschöpfung der potenziellen Studierenden. Während in Wien 48 Prozent eines
Altersjahrganges studieren, sinkt die Quote in Oberösterreich auf 28,7 Prozent,
um in Vorarlberg mit nur 24 Prozent ihren Tiefststand zu erreichen. Das sei, so
Ruttenstorfer, auch ein Abbild fehlender Studienangebote. Im klassischen
Industrieland Oberösterreich mangle es etwa im Technik- und
Naturwissenschaftsbereich. Die IV fordert den "Abbau von regionalen, sozialen
und geschlechtsbedingten Disparitäten im Hochschulzugang".
"Tief durchatmen" in Graz
Spezielle Erfahrungen mit dem Unirat dringen aus der Medizin-Uni Graz. Der
dortige Unirat hatte vergangene Woche zwei von vier vorgeschlagenen
Vizerektoren abgelehnt. Als Reaktion darauf schrieb nun der Senat einen Brief an
Wissenschaftsminister Johannes Hahn (VP), in dem ihm empfohlen wird, den
momentanen Uniratsvorsitzenden Franz Marhold für diese Funktion nicht mehr
zu nominieren, berichtet die Kleine Zeitung. Aus dem Ministerbüro kam dazu der
schlichte Aufruf an die Beteiligten, "tief durchzuatmen" und "zur Normalität
zurückzukehren". (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD-Printausgabe, 1. Feber 2008)