Ein neuer ORF

1. Februar 2008, 14:43
18 Postings

Ohne klare Trennung zwischen öffentlich rechtlicher Aufgabe und Kommerz gibt es keine Zukunft für die größte Medienorgel des Landes - Kommentar der anderen von Rudi Klausnitzer

In der zwischen Spott, Zynismus und Mitleid wechselnden Diskussion um den ORF gerät in Vergessenheit, worum es eigentlich geht: Unsere Gesellschaft braucht in einer immer industrialisierteren Medienwelt, in der das Verständnis von "Shareholder Value" und damit die Mission der meisten privaten Medienbetriebe auf Profitmaximierung reduziert wurde, einen unabhängigen, ausschließlich seiner gesellschaftlichen Aufgabe verpflichteten öffentlichen Rundfunk. Diese Leistung, also der "öffentliche Auftrag", ist nicht an der Quote des Konsums, sondern an der Relevanz dieser Leistung für die Gesellschaft zu messen. Ein funktionierender, gesellschaftlich akzeptierter öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar.

Ein ORF, der zwar weniger konsumiert wird, von dem aber alle überzeugt sind, dass er unverzichtbar ist, hat mehr öffentlich-rechtliche (und damit Gebühren-)Berechtigung, als ein ORF, der zwar mehr gesehen wird, den aber alle für verzichtbar halten. Im Augenblick fehlt es dem ORF aber leider an allen Ecken und Enden. Er verliert Zuseher und wird immer weniger für unverzichtbar erachtet.

Der ORF muss daher aus dem Teufelskreis der totalen Quotenabhängigkeit und seinem selbstgewählten Dauervergleich mit den kommerziellen Anbietern gebracht werden. Man muss ihm ein neues Selbstverständnis geben, -notfalls verordnen! Qualität, Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Relevanz sind die einzigen legitimen Gradmesser. Sonst ist der Anspruch auf öffentliche Finanzierung verspielt. "Ein wenig" öffentlich-rechtliches Programm reicht nicht, das hat heute schon jeder Privatsender.

Organisation aus 60ern

Der ORF kann sich aber nicht mehr selbst retten. Das ist Aufgabe der Politik. Und zwar sofort. Sonst fährt der wichtigste Medienbetrieb Österreichs an die Wand. Oder es finden sich genügend Bürger für ein Volksbegehren wie 1964, als die RAVAG im großkoalitionären Würgegriff unterzugehen drohte und Zeitungsherausgeber die Initiative ergriffen. Derzeit ist der ORF ein Hybrid aus öffentlich rechtlicher Anstalt und Kommerzsender, der – trotz aller Erhöhungen von Gebühren und Werbezeiten – nicht dauerhaft rettbar ist.

Eine verantwortungsvolle Medienpolitik muss die TV-Landschaft grundlegend neu gestalten. Die Politik aber steckt den Kopf in den Sand und diskutiert über Gebührenerhöhungen. Doch einen Übergewichtigen, der subjektiv an Hunger leidet, retten nicht größere Nahrungsrationen.

Was tun? Den ORF radikal, aber nachhaltig mit einem neuen Rundfunkgesetz organisieren: Den öffentlich-rechtlichen Teil und den kommerziellen Teil klar trennen und unter dem Dach einer ORF-Holding drei eigenständige, operative Firmen schaffen:

  • ein rein öffentlich-rechtliches Unternehmen (100% ORF), das sich alleine über Gebühren finanziert und nur seinem öffentlichem Auftrag verpflichtet ist. Dieses Unternehmen könnte bei gleichen Gebühren mehr öffentlich-rechtliches Programm anbieten als der ORF heute. Oder man könnte die Gebühren senken.

  • ein rein kommerzielles Unternehmen, finanziert ausschließlich aus Werbung und offen für mehrheitliche private Beteiligungen beziehungsweise einen Börsegang. Es könnte mit den heute Not leidenden österreichischen Privatsendern kooperieren oder sich an ihnen beteiligen. Den Gedanke wälzte der ORF ohnehin schon – aber einem gebührenfinanzierten, marktbeherrschenden Unternehmen ist das natürlich verwehrt. Die ORF-Holding würde an diesem Unternehmen nur mehr eine Minderheitsbeteiligung von 25% halten.

  • ein Infrastrukturunternehmen, das die heutige Sendertochter ORS inkludiert und für die beiden Programmfirmen, aber auch für Dritte technisch-logistische Infrastruktur, eventuell auch Teile der Verwaltung vorhält. Die ORF-Holding wäre an dieser Gesellschaft bis zu maximal 50% beteiligt.

    Drei zukunftsorientierte Unternehmen statt ein Dinosaurier

    Die Vorteile dieser Strategie liegen auf der Hand:

    1. Öffentlich-rechtliches Programm und seine Finanzierung werden dauerhaft gesichert. Was ein Verkauf der Mehrheit am kommerziellen Teil einbringt, könnte einen Programmfonds für österreichische, öffentlich-rechtliche Produktionen speisen. Damit wäre nicht nur dem ORF, sondern auch den österreichischen Produzenten geholfen und die Debatte über die Gebührenberechtigung ein für alle Mal erledigt. Die Minderheitsbeteiligung an dem kommerziellen Teil über die Holding brächte zusätzliches Geld neben den Gebühren.

    2. Die neue Konstellation ermöglicht mehr öffentlich-rechtliche Programme: neben einem TV-Hauptprogramm mehrere Spartensender etwa für Nachrichten und Kultur.

    3. Starkes privates Programmangebot aus Österreich: Mit dem neuen kommerziellen Unternehmen hätte Österreich mit einem Schlag einen großen, auch international ernst genommenen Privatanbieter, der im Konzert der großen Sprachraumsender mitspielen könnte. Gemeinsam brächten die beiden Unternehmen mehr Marktanteil für österreichische Medienproduktion und wären damit wettbewerbsfähiger als der ORF heute. Zudem könnten sich die österreichischen privaten Medienunternehmer sinnvoll an einer privaten audiovisuellen Medienplattform beteiligen und vorhandene Ressourcen einbringen.

    4. Das Potential der ORF-Mitarbeiter würde besser genützt: Wachstum statt Stillstand, Weiterentwicklung statt Verteidigung und viele neue Chancen. Knowhow und Können vieler Mitarbeiter des ORF auf dem kommerziellem Sektor bedeuten einen Wert, der sich – noch – kapitalisiert in Geld für den öffentlich-rechtlichen Teil umwandeln ließe. Dieser realisierbare Wert sinkt laufend und wird in ein paar Jahren verschwinden. Jedes Zögern vernichtet den Wert von ORF-Vermögen.

    5. Gemeinsame Infrastrukturen: Das dritte Unternehmen, der Infrastrukturprovider, könnte je zu einem Drittel den beiden Programmunternehmen und zu einem Drittel zusätzlichen privaten Investoren gehören. Damit könnte des natürlich auch für externe Auftraggeber arbeiten und sich auf dem internationalen Markt und in neuen Feldern der digitalen Welt bewähren.

    Auch die Landesstudios sind als digitale Medienzentren der Länder gut denkbar, die für beide Gesellschaften tätig werden. Statt über Reduktion, könnte man so – unter gesellschaftsrechtlicher Einbindung der Länder und. privater lokaler Partner – über einen Ausbau der Landesstudios nachdenken.

    Natürlich ist dies nur eine erste Skizze für eine Neuordnung, die noch viel Diskussion und Feinarbeit erfordert. Aber am Ende hätten wir statt einem Dinosaurier, der in der neuen digitalen Medienwelt ums nackte Überleben kämpft, drei neue Unternehmen, die insgesamt das Angebot an Programmen – öffentlich-rechtlich wie kommerziell – und damit auch an Medienarbeitsplätzen deutlich erweitern und einen neuen, kräftigen Impuls für eine zukunftssichere digitale Medienlandschaft in Österreich bringen.

    Paradoxerweise wird gerade die ORF-Führung dagegen argumentieren: Der öffentlich-rechtliche Sender würde zum Nischensender und hätte keine vernünftigen Marktanteilschancen mehr. Irrtum: Gut gemachte, anspruchsvolle Programme haben weltweit Erfolg (siehe BBC-Programmimporte des ORF). Und einige der Quotenprobleme des ORF wie "Mitten im Achten" waren bei Gott keine öffentlich-rechtlichen Programme.

    Ein anspruchsvoll ausgerichtetes, rein öffentlich-rechtliches Massenprogramm hat sehr wohl auch Chancen auf Zuseher und damit Marktanteile. Ein öffentlich-rechtliches Unternehmen wie der ORF, der allen Ernstes behauptet, er hätte bei Konzentration auf seinen Hauptauftrag keine Chance mehr, redet sich selbst ins Grab. (Rudi Klausnitzer/DER STANDARD, Printausgabe, 1.2.2008)

Rudi Klausnitzer war Manager von Ö3, Premiere, Sat.1 und der Verlagsgruppe News. Er bewarb sich 2006 um den Job als ORF-Chef.

Zum Thema
Schwerpunkt ORF auf derStandard.at/Etat

  • Klausnitzer: "'Ein wenig' öffentlich-rechtliches Programm reicht nicht, das hat heute schon jeder Privatsender."
    foto: standard/regine hendrich

    Klausnitzer: "'Ein wenig' öffentlich-rechtliches Programm reicht nicht, das hat heute schon jeder Privatsender."

  • "Ein Dinosaurier, der ums Überleben kämpft". Klausnitzer empfiehlt: Bitte nicht füttern.
    montage: beigelbeck

    "Ein Dinosaurier, der ums Überleben kämpft". Klausnitzer empfiehlt: Bitte nicht füttern.

Share if you care.