Lang lebe das Geräusch!

5. Februar 2008, 14:43
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Die britische Band These New Puritans ehrt die Väter des Punk sowie der New Wave und verbreitet gehörig schlechte Laune. So wollen wir es hören

Dass der an dieser Stelle gebührend oft vorkommende Hausheilige Mark E. Smith gemeinsam mit seiner Band The Fall auch weit über 30 Jahre nach seinem Auftauchen in der Musikszene noch immer dazu taugt, jüngeren Bands als Vorbild zu dienen, werden demnächst nicht nur die jungen britischen Rabauken One More Grain mit ihrem neuen Album Isle Of Grain (White Heat Records) beweisen. Megafonverzerrte Stimme und angewiderter Gesangsvortrag inklusive.

Auch These New Puritans, ein junges, schon mit seinem Bandnamen auf The Fall verweisendes Quartett aus dem britischen Southend-on-Sea scheint mit seinem langerwarteten und nun endlich erhältlichen Debüt Beat Pyramid dazu ausersehen, das Banner schlechter Laune in abweisenden, grantigen Liedern weiterzutragen.

Vorbilder

Dabei beschränken sich die vier jungen Leute nicht allein darauf, zu geiferndem Sprechgesang und harscher, amerikanische Rock-'n'-Roll-Muster nach Möglichkeit ablehnender, monotoner Riffdrescherei kryptische Botschaften an den darüber mild entsetzten Mann zu bringen. Ausgehend vom extrakrachigen Frühwerk Mark E. Smiths (Live At The Witch Trails oder Grotesque), bedient man sich auch gleich noch bei damals ebenfalls hoch im Kurs stehenden Bands wie Gang Of Four und ihrem von jedwedem sexuellen Unterton befreiten, politischen White-Funk-Studien (Album: Entertainment!).

Man bedient sich aber auch noch bei John Lydon, seiner den Sex Pistols nachgereichten Avantgarde-Band Public Image Ltd. und deren noch heute unerhörtem, rhythmuslastigem Brocken Flowers Of Romance.

Live-Spektakel

Obwohl These New Puritans, noch ohne einen einzigen Tonträger auf dem Markt, im Vorjahr gleich von Modeschöpfer Hedi Slimane als Live-Spektakel für eine Dior-Show in Paris gebucht wurden, hält sich der schnell abflauende Sensationswert ihrer Musik auf diesem Debüt dankenswerterweise in Grenzen.

Wie die schwer übersteuert aufgenommenen, am Bass und Schlagzeug einen hypnotischen Sog erzeugenden Rhythmusgewitter der Songs Numerology (aka Numbers) oder Colours belegen, bei denen auch die scharf angezerrten, von etwaig verbindlichen Bassfrequenzen verschonten Gitarren und das Sampling-Keyboard, weitgehend vom Klang befreit, im Geräusch bohren und sich an der immergrünen Dissonanz die jugendlichen Hörner abstoßen: Diese Band arbeitet sich mit großem Ernst und erhöhter Dringlichkeit an Musik ab, die nicht unterhalten oder gefallen will. Diese Musik will bewegen. Lärm dient dabei als wichtiges Ausdrucksmittel, der vor allem auch bei Liveauftritten ein nicht unwesentliches Kriterium darstellen könnte.

Geistige Väter

Bei all diesem beherzten Vorrücken gegen die indiepopverseuchten Ohren der jungen Zielgruppe, die sich deswegen wahrscheinlich schon wieder nicht die alten Alben der geistigen Väter der New Puritans kaufen wird, fallen dann mitunter auch tatsächlich kleinere Hits ab. Der Song Elvis etwa, der im Vorjahr auf einem hübschen New-Rave-Sampler des Londoner New Musical Express noch ein nicht unwesentliches Doppel-S im Titel trug, dürfte im Nachtleben ganz ordentlich auf der Tanzfläche krachen.

Textlich hätte man sich allerdings bei all dieser harschen Bestimmtheit und Unmittelbarkeit etwas weiter vom vierzeiligen Deklamationsformat wegbewegen und literarischer arbeiten können. Die Banalitäten in Numerology (aka Numbers) ("Number one is the individual, number two duality ...") behindern die genussvolle Konsumation dieser im noch jungen Jahr 2008 bis dato vielversprechendsten Newcomer-Band dann zwischenzeitlich doch recht erheblich.

Immerhin, und dies wird in der heimischen Konzertlandschaft mittlerweile äußerst selten: These New Puritans werden schon am Beginn ihrer Karriere sogar den Weg nach Österreich finden. Wahrscheinlich haben Mando Diao an diesem Tag gerade nicht frei: 13. April, Chelsea, Wien. Möglicherweise kommt das live wie ein mittlerer Weltuntergang. (Christian Schachinger/Rondo/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.02.2008)

  • These New Puritans - Beat Pyramid (Domino)
    foto: standard

    These New Puritans - Beat Pyramid (Domino)

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