"Hört doch auf mit dem Wahnsinn!"

30. Jänner 2008, 20:40
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Regisseurin Andrea Breth präsentiert ihre letzte Arbeit in der Ära Bachler - Im STANDARD- Interview erklärt sie, warum heutige Kriege das "Hinterland" der Seele beschädigen

Am Donnerstag (19 Uhr) präsentiert Andrea Breth mit Simon Stephens’ „Motortown“ am Akademietheater ihre letzte Arbeit in der Ära Bachler. Die Regisseurin im STANDARD- Interview über Kriegsheimkehrer, Verslummung und Dostojewski.

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Standard: Simon Stephens' "Motortown" erzählt von einem britischen Irak-Veteranen, der nach seiner Heimkehr in den Londoner Stadtteil Dagenham nicht mehr in die Friedensgesellschaft zurückfindet. Hatten Sie nicht bereits in Ihrer Inszenierung von Lessings "Minna von Barnhelm" genau diesen Sachverhalt im Blick: die Unmöglichkeit und Unfähigkeit, mit dem Krieg "in uns" aufzuhören?

Breth: Der Frage würde ich zustimmen. Nur trifft Tellheim, der Kriegsheimkehrer in der Minna, auf eine intakte Gesellschaft, die ihrerseits noch moralische Vorstellungen hat. Was mich an Motortown interessiert hat - alle diese Figuren sind Täter. Es wäre ja nicht der Mühe wert, wenn es hieße: ein armer Kriegsheimkehrer - seht her, das sind alles Opfer! Alle Figuren befinden sich in dem nämlichen Zustand. Es werden besinnungslos irgendwelche Waffen verkauft. Diese Menschen sind ohne Reflexion. Beginnen sie zu philosophieren, ist es die reine Katastrophe. Stephens dekliniert diese Gesellschaft einfach durch.

Zum anderen interessiert mich der Text formal: Wir haben, mit Blick auf den Stücktitel, eine ganze Welt gebaut. Die ursprüngliche Idee der Firma Ford war doch die, ihren Beschäftigten eine ganze Stadt hinzustellen - aus der Idee der Fürsorge heraus, so wie das auch Krupp in Deutschland gemacht hat. Nun erfährt man aus dem Stück ja, dass Ford so gut wie dicht gemacht hat. Die "normale" Folge ist die ganz grässliche Verslummung, der Absturz ins Elend.

Standard: Eine "Freisetzung" in jederlei Wortsinn?

Breth: Dasselbe findet doch bei uns unaufhörlich statt. Die Firma Nokia schreibt riesige Gewinne, aber sie macht zum Beispiel ihre ganze Fertigung in Bochum dicht. Wenn nun der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Rüttgers vor der Kamera meint, er werde sich darum kümmern - so kann das ruhig sein. Nur ändert das für die Beschäftigten nichts. Die Wirtschaft hat den Staat vollkommen in der Hand. In einer solchen Großwetterlage spielt das Stück - ist aber dabei überhaupt nicht didaktisch oder moralisch. Wenn man in das Fettnäpfchen des Moralismus hineintrampelte, läge man falsch. Motortown muss man präsentieren, ohne eine persönliche Meinung zu vertreten.

Standard: Man kann also mit Blick auf die Figuren nicht mehr in alter Manier sagen: "Die Verhältnisse sind es, die das Bewusstsein bestimmen ..."?

Breth: Das will Stephens auch gar nicht. Er ist ein raffinierter Theaterschreiber. Inszeniert man das Stück so "objektiv" wie möglich - was als Behauptung ja erst einmal eine Frechheit ist! -, riskiert man Setzungen. Es ist wie "Foto-Style": Man guckt Foto um Foto. Zack! Das muss ein gewaltiges Tempo haben, so dass der Zuschauer im Moment des Erlebens auch gar nicht zum Reflektieren kommt. Aber hinterher fände ich es schon sehr schätzenswert, wenn er sich selbst bei der Nase packte. Es passiert ein Mord, der nicht eben unterhaltsam ist. Da kann ich als Zuschauer durchaus aufstehen und sagen: "Hört doch einmal auf mit dem Wahnsinn!" Bei einer Probe sind drei Menschen hinausgegangen ...

Standard: Das Recht auf Flucht ist im Kartenpreis inbegriffen.

Breth: Ich wollte die drei eigentlich kennenlernen. Ich hab das Stück ja auch nicht geschrieben. Ich sehe nur, dass Stephens ein ausgefuchster Bühnenautor ist. Er gebraucht wiederkehrende Motive: Zum einen macht er damit die Verhaltensauffälligkeiten dieses Amokläufers dingfest - zum anderen hebt er den Text auf eine künstliche Ebene. Sonst wäre das Ganze erst einmal banal. Erst durch die Präsentation, den Rahmen, verwandelt er sich in etwas.

Standard: Welche Qualitäten muss ein zeitgenössischer Text haben, damit Sie sich mit ihm beschäftigen?

Breth: Das liegt für einen selbst ein Stück weit im Dunkeln. In Motortown finden Sie etwas ganz Wichtiges enthalten: das permanente Abbilden von Bildern. Die Frage nach den Bildern vom Krieg, seine fürchterliche Wahrnehmung: Man ertappt sich doch selbst dabei, wie man sich das fasziniert anguckt. Als wäre das keine Realität. Zum zweiten sind diese Bilder natürlich im höchsten Maße zensiert und getürkt. Sie werden dargereicht wie gutes Essen. Das beschäftigt mich zurzeit. Im Übrigen kann es sich um ein einziges Wort handeln. Als ich vor vielen Jahren Schnitzlers Einsamen Weg inszenierte, stieß ich auf den Satz: "Alles liegt wie hinter Schleiern." Da begann ich mich zu fragen: Was heißt das denn eigentlich? So etwas passiert intuitiv.

Standard: Stößt ein Stoff einen anderen an? Kommen Sie automatisch von einem Stück A zu einem Stück B?

Breth: Das sind letztlich politische und philosophische Fragen. Ich bin ja auch dafür verprügelt worden, als ich vor langer Zeit den Boulevardautor Alan Ayckbourn inszeniert habe: Das sei doch Schrott, wurde mir mitgeteilt. Stimmt nur nicht, das war fantastisches Material für die Schauspieler. Da heißt es dann: Das sei für diese Regisseurin "untypisch". Man wird als Künstlerin gerne in Aktenordnern abgelegt: Breth macht Klassiker, und damit basta. Furchtbar.

Standard: Sie inszenieren heuer bei den Salzburger Festspielen Dostojewskis "Schuld und Sühne". Die Zusammenarbeit mit Autor Dimitré Dinev hat sich zerschlagen. Welche Gründe waren ausschlaggebend?

Breth: Es war ein Fehler vonseiten der Salzburger Festspielleitung, einen Autor mit sehr eigener Fantasie damit zu beauftragen.

Standard: Dinev ging nach Ihrem Geschmack zu frei mit der Vorlage um?

Breth: Es ist ja ganz dumm, eine bloße Bearbeitung von einem Autor zu verlangen, der ein eigenständiger Künstler ist. Da hat sich etwas vermischt, was mir vielleicht im Voraus nicht so unbedingt klar war. Der Text ist prinzipiell so, dass ich darin nichts davon gefunden habe, was ich erzählen möchte. Der Mordvorfall selbst ist vollkommen uninteressant; mich interessieren Dostojewskis Überlegungen zur Existenz schlechthin. Das war bei ihm etwas vollkommen anderes - und so lief es verquer. Dabei schätze ich diesen Autor sehr. Sie können mich zu Recht des Größenwahnsinns bezichtigen: Ich sitze jetzt nachmittags und nachts vor dem Computer - und schreibe. Aber wohlgemerkt: Nicht ein einziges Wort stammt von mir. (DER STANDARD/Printausgabe, 31.01.2008)

Das Gespräch führte Ronald Pohl

Zur Person
Theaterregisseurin Andrea Breth (55) prägte als subtile Stilistin die Ära Klaus Bachler am Burgtheater. Der Plan einer "Wallenstein"-Inszenierung scheiterte krankheitsbedingt. Unter dem neuen Burg-Direktor Matthias Hartmann (ab 2009) wird sie wieder inszenieren. Von 1992 bis 1997 leitete Breth die Berliner Schaubühne.

  •  Das Elend des Friedens im britischen "Hinterland": Andrea Breth mit Markus Meyer (li.) und Nicholas Ofczarek auf der Probe.
    foto: standard/uhlig

    Das Elend des Friedens im britischen "Hinterland": Andrea Breth mit Markus Meyer (li.) und Nicholas Ofczarek auf der Probe.

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