Schwere Prüfung, live im Gericht

31. Jänner 2008, 09:21
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Am 62. Prozesstag tranchierten die Anwälte das Bilanzgutachten Thomas Kepperts. Sie setzen den Wert der Bawag höher an als er, für Wertberichtigungen sehen sie kaum Anlass

Wien - Hartgesottene Zuhörer bekamen am 62. Tag des Bawag-Prozesses nicht nur eine Vorlesung in Bilanzierung, Steuerrecht und Buchhaltung. Sie konnten anlässlich der Befragung des Sachverständigen Thomas Keppert auch studieren, wie Anwälte ein Gutachten gekonnt so lange zerpflücken, bis es sich in Sprühnebel auflöst. Gutachter Keppert hält die Bawag-Bilanzen 1998 bis 2002 und die Eröffnungsbilanz 2003 für falsch - was (nicht nur, aber) besonders die Anwälte des angeklagten Wirtschaftsprüfers Robert Reiter anders sehen.

Reiters Anwaltsduo, Thomas Kralik und Christoph Herbst, zogen die Wertberichtigungen, die Keppert moniert, in Zweifel. Beim Casino Jericho etwa, an deren Errichtungsgesellschaft CAP Holding die Bawag beteiligt war und die ihr 41 Mio. Euro schuldete. In den Erklärungen vor Gericht hatte Keppert seine Ansicht, die Bawag hätte das Engagement 2001 wertberichtigen müssen (das Kasino war ab Herbst 2000 geschlossen) mit dem Beispiel Atomkraftwerk Zwentendorf (ging nie in Betrieb) untermauert.

Ein Vergleich, der "zu unseren Gunsten ausgeht", wie Reiters Anwalt Kralik anmerkte. Denn Angeklagter Reiter hat sich die Sache inzwischen angesehen und hielt am Mittwoch einen kleinen Vortrag, dass die Verbundgesellschaft Zwentendorf im Volksabstimmungsjahr 1978 "null abgeschrieben, und die letzte Abschreibung erst 1988 vorgenommen hat". Die Folge: virtueller Nebel im Saal und ein Schlagabtausch. Keppert: "Dieses Beispiel muss man revidieren", Kralik: "Wie den Großteil des Gutachtens", die Richterin: "Gut, das (Zwentendorf; Anm.) ist verjährt".

Stundenlang dauerte dann die Fragerunde zum Thema Bewertung der Bawag. Dieser Punkt ist wegen der Garantien des ÖGB (sie machten die offenen Forderungen an Flöttl werthaltig) sehr wichtig: Je höher man den Wert der Bank ansetzt, desto größer war das ÖGB-Vermögen (ihm gehörte die Bank mehrheitlich), desto höhere Forderungen konnten die Garantien abdecken.

Reiter-Anwalt Herbst rechnete also vor, dass die Bawag mehr wert war, als Keppert meint. Er brachte eine Art virtuellen "Verlustvortrag" (die Bank wies eben keine Verluste aus; Anm.) ins Spiel. Er hätte die Bank im Verkaufsfall wertvoller gemacht und so bewirkt, dass "alle notleidenden Kredite durch die ÖGB-Garantien abgedeckt" gewesen seien, argumentierte Herbst. Keppert knapp: "Eine sehr komplexe Sache, die ich lieber schriftlich erörtern will."

Staatsanwalt Georg Krakow setzte das auseinanderfallenden Gutachtensmosaik dann mit seinen Fragen wieder ein wenig zusammen. Ob die in einer Steuerbilanz allenfalls ausgewiesenen Bawag-Verluste (die Angeklagten konnten sich an solche nicht erinnern) nicht auch zum Auffliegen der ganzen Sache geführt hätte, wollte er logischerweise wissen. Keppert: "Das Amtsgeheimnis gilt nicht bei strafrechtlichen Tatbeständen."

Für weitere Vorlesungen im Prozess dürfte gesorgt sein. Elsners Anwalt Wolfgang Schubert hat die Herbeischaffung weiterer Akten der Soko Flip (Sonderkommission Bawag) beantragt, sie werden am Donnerstag geliefert. Es geht um 450 Aktenbände, verpackt in rund 20 Kisten. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.01.2008)

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