Neu entdeckt: Elefant im Mäusepelz

31. Jänner 2008, 06:00
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In ostafrikanischen Bergwäldern fanden Forscher eine skurrile neue Tierart, die aussieht wie eine riesige Spitzmaus und mit Elefanten verwandt ist

Eine Fotofalle war der Schlüssel zum Erfolg. Der italienische Zoologe Francesco Rovero vom Museo Tridentino di Scienze Naturali in Trient hatte 2005 ein solches Gerät in abgelegenen Wäldern der Udzungwa-Berge im ostafrikanischen Tansania aufgestellt. Unter den abgelichteten Tieren war auch eine sonderbare Kreatur mit einer langen, rüsselartigen Nase.

Sie ähnelte einer bekannten Säugetierart namens Gefleckter Sengi, doch ihre Fellfärbung war ganz anders. Rovero schickte die Aufnahmen seinem Kollegen Galen Rathbun von der California Academy of Sciences. Ob es sich wohl um eine bisher unbekannte Spezies handele? Vermutlich ja, antwortete Rathbun.

Mit Fallen erfolgreich

Eine gemeinsam organisierte Expedition brachte Klarheit. Zusammen mit einigen internationalen Spezialisten gelang es den Forschern nicht nur, die Unbekannten in freier Wildbahn zu filmen. Sie konnten auch vier Exemplare mittels Schlingenfallen fangen. Die genaue Untersuchung dieser Tiere bestätigte den anfänglichen Verdacht: Rovero und Rathbun hatten tatsächlich eine neue Art entdeckt.

Rhynchocyon udzungwensis lautet ihr wissenschaftlicher Name. Eine detaillierte Beschreibung der Spezies erschien nun in der Fachzeitschrift The Journal of Zoology im Internet. Die langnasigen Geschöpfe gehören der urtümlichen Säugetierordnung der Rüsselspringer an. Deren evolutionäre Wurzeln reichen wahrscheinlich bis in die mittlere Kreidezeit vor etwa 100 Millionen Jahren zurück und somit lange vor dem Aussterben der Dinosaurier.

Drei bereits bekannte Rhynchocyon-Arten werden in Swahili "Sengis" genannt. Auch Zoologen nennen sie gerne so. Im Englischen werden sie wegen ihrer Schnauze als "Elephant-Shrews" (Elefantenspitzmäuse) bezeichnet. Erst später wurde bei molekularbiologischen Analysen nachgewiesen, dass sie tatsächlich mit den Dickhäutern entfernt verwandt sind - und enger als mit Spitzmäusen.

Graugesichtige Sengis sind tagaktiv und ernähren sich fast ausschließlich von kleinen Insekten und anderen Wirbellosen. Ihre relativ langen Beine machen Sengis zu flinken Läufern. Dies dürfte, wie Galen Rathbun im Gespräch mit dem Standard erklärt, auch der Hauptgrund für ihre späte Entdeckung sein: "Sie sind so schnell zu Fuß, und der Wald ist so dunkel, dass man nicht wirklich weiß, was man gerade gesehen hat."

Außergewöhnliche Körperstatur

Die neue Sengi-Spezies zeichnet sich vor allem durch eine außergewöhnliche Körperstatur aus. Mit einer Länge von mehr als einem halben Meter (inkl. Schwanz) und einem Gewicht von über 700 Gramm sind die Tiere wesentlich kräftiger gebaut als ihre Verwandten.

Die Art bewohnt feuchte Wälder oberhalb der 1000-Meter-Höhenlinie der Udzungwa Berge. Ihre ökologisch isolierte Lage hat die Bildung von einzigartigen Tierspezies begünstigt. Im vergangenen Jahrzehnt wurden in dieser Region mehrere neue Wirbeltier-Arten entdeckt. Die Wälder sind, wie Galen Rathbun berichtet, "unglaublich unberührt." Und hoffentlich bleibt das so. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, Printausgabe, 31.1.2008)

  • Flinke Läufer im dunklen Wald: Die graugesichtigen Sengis sind so flott unterwegs, dass die Forschung sie erst vor wenigen Monaten dingfest machen konnte.
    fotos: der standard/rovero; ribble

    Flinke Läufer im dunklen Wald: Die graugesichtigen Sengis sind so flott unterwegs, dass die Forschung sie erst vor wenigen Monaten dingfest machen konnte.

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    fotos: der standard/rovero; ribble
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