Spionen ein Schnippchen schlagen

27. Februar 2008, 13:56
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SIM-Karte wechseln? Oder gleich ganz auf Mobiltelefone verzichten? Wie man sich gegen Handy-Ortung, Internetspionage und andere Überwachungsmethoden wehren kann

"Man kann viel in den Schurkenstaaten lernen", sagt Adrian Dabrowski. Im Iran etwa gibt es Tauschbörsen für SIM-Karten – ein probates Mittel, um allzu neugierigen Polizisten ein Schnippchen zu schlagen.

Gute Tips

Der Verein Quintessenz, der sich für Bürgerrechte im Infozeitalter einsetzt, hat noch andere gute Tipps parat, wie man sich gegen HandyOrtung, Internetüberwachung und Co wehren kann. Anonym lasse es sich mit einer Wertkarte telefonieren, die man im Gegensatz zu Deutschland in ganz normalen Geschäften ohne Registrierung bekommt, empfiehlt Obmann Dabrowski. Wer seine Wege ganz verschleiern will, wechselt regelmäßig Handy und SIM-Karte aus, denn beide sind mit Kennnummern (IMEI und IMSI) identifizierbar. Beim Festnetz sind anonyme Prepaidkarten ausländischer Firmen, bei denen ein freigerubbelter Code eingegeben werden muss, die beste Wahl. Punkto Internettelefonie gilt generell: Bei Anbietern aus dem Ausland können Behörden nicht so leicht nachfragen.

Falsche Fährten im Internet

Der IMSI–Catcher, der die Polizei zum illegalen Handy-Abhören verleiten könnte (siehe Artikel rechts), steigt mangels technischer Möglichkeiten aus, wenn die Zielperson im UMTS-Netz telefoniert – zumindest gilt das noch für die aktuellen Modelle. Die sicherste Methode ist aber: Ausschalten. Dass Mobiltelefone trotzdem geortet werden könnten, hält Dabrowski für ein Gerücht, es sei denn, das Gerät wurde vorher manipuliert.

"Tor" oder "Mixmaster

Im Internet greifen Kenner auf Anonymisierungsdienste wie "Tor" oder "Mixmaster" zurück: Diese Programme verschlüsseln den gesamten Internetverkehr, in dem sie diesen auf mehreren Umwegen über verschiedene Server schicken. Die Exekutive kann dann anhand der IP-Adresse nicht mehr feststellen, wer der Urheber einer Nachricht oder eines Zugriffs ist. Nachteil: Diese Dienste sind kompliziert einzurichten und kosten beim Surfen viel Tempo. Wer nur von Fall zu Fall anonym durchs World Wide Web will, findet ebendort eine Reihe einfacherer Programme, um zum Beispiel einzelne Mails zu verschicken. Dabrowski hebt nicht zufällig eine Sammel-Site aus Russland hervor: www.freeproxy.ru. "Das Angebot zeigt, wie wirkungslos viele Überwachungsmethoden sind, wenn sich jemand damit ernsthaft beschäftigt", sagt Dabrowski, der Überwachungen nur bei richterlicher Genehmigung befürwortet: "Wer es sich – wie potenzielle Terroristen – leisten kann, wird weiterhin anonym kommunizieren."

Die Fachhochschule Hagenberg in Oberösterreich bietet sogar eigene Lehrgänge für Mediensicherheit an, auch für Nichtstudenten. Im Schnellkurs empfiehlt Studienleiter Robert Kolmhofer jedem Internet-User an erster Stelle ein Virenschutzprogramm, das sich ständig selbst aktualisiert, schon deshalb, um sich vor Kriminellen, die etwa nach Online-Banking-Codes fischen, zu schützen.

Trojaner als lahmer Gaul

Das Innenministerium überlegt, für die Zukunft ähnliche elektronische Eindringlinge einzusetzen, um mit richterlicher Erlaubnis Computer von Verdächtigen auszuspionieren. Diesen "Bundestrojaner" nennt Kolmhofer freilich schon einen "lahmen Gaul", noch ehe er existiert: "Ein sinnloser Versuch. Die guten Viren_scanner werden sich schnell auf den Trojaner einstellen und ihn problemlos entdecken."

Zweite Selbstschutzmaßnahme: eine externe Firewall. Jene, die ins Microsoft-Betriebssystem Windows integriert ist, reiche nicht aus, erklärt Kolmhofer. User sollten Webseiten überdies tunlichst nicht erlauben, sogenannte Cookies auf dem Computer hinterlassen. Diese kleinen Einträge erlauben Besuchern zwar, etwa auf bestimmten Sites wie Chatforen ständig eingeloggt zu bleiben, dank Cookies können Online-Shops aber auch nachvollziehen, für welche Produkte sich ein Kunde interessiert.

"Manche erzählen unter echtem Namen über ihre Krankheiten. Das ist Selbstmord."

"Überhaupt sollten die Leute aufpassen, was sie alles im Internet hinterlassen", mahnt Kolmhofer: "Manche erzählen unter echtem Namen über ihre Krankheiten. Das ist Selbstmord." Der FH-Professor rät deshalb, sich für sensiblen Internetverkehr eine zweite Identität mit anonymer E-Mail-Adresse, wie sie bei Anbietern wie gmx eingerichtet werden kann, zuzulegen, wobei Kolmhofer eher vor Arbeitgebern, die ihren Angestellten nachspionieren, als vor der Polizei warnt – trotz der neuen Befugnisse. Die Behörden hätten gar nicht Personal und Ressourcen, um ständig riesige Datenmengen unbescholtener Bürger auszuwerten, meint er: "Vom Überwachungsstaat sind wir weit entfernt." (Gerald John, DER STANDARD Printausgabe, 31. Jänner 2008)

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