Pinky & Brain im Gefühlsdusel

4. Februar 2008, 18:14
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Mit der Ausstellung "E-Motion" im Wiener net.culture.­space werden die Labormäuse des Kunstbetriebs wohl nicht die Weltherrschaft an sich reißen können

Mit dem net.culture.space hält sich die Ars Electronica seit Juli 2007 nach Dornbirn nun auch eine Dependance in Wien, in der "die vielfältigen und dynamischen Formen zeitgenössischer Medienkunst" präsentiert werden.

 

Die aktuelle Ausstellung E-Motion widmet sich - ganz im Stil des Festivals für Kunst, Technologie und Gesellschaft - der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Der Ankündigung zufolge werden Arbeiten gezeigt, die Gedanken und Gefühle zur Steuerung interaktiver Systeme nutzen: Über technische Hilfsmittel wie Maus und Tastatur hinaus, wird der Menschen mit all seinen Sinnen und biologischen Funktionen miteinbezogen. Beim Besuch des Raums, mit dem die Telekom Austria im vergangenen Jahr den Kunstsponsoring Preis Maecenas für "Kunst & Medien" erhalten hat, findet man jedoch nur mäßige Antworten auf die im Leaflet zur Ausstellung angedeuteten Fragen aus dem breiten Feld der Medienkunst.

Das Internet-Projekt Colors etwa basiert auf unzähligen Textbausteinen von Weblogs, in denen die Gefühlswelten der jeweiligen Autoren als bunt gefärbte Figuren auf einer Weltkugel zum Ausdruck kommen. Mit einem Klick darauf erreicht der Ausstellungsbesucher entweder die ursprüngliche Quelle im Netz oder kann durch weitere Wortgruppen navigieren. Als eindrucksvolle Großprojektion an der Wand des net.culture.space ist Colors ein solides und eingängiges Beispiel für zeitgenössisches Informationsdesign. Die Installation visualisiert und thematisiert zwar die Mechanismen des Internets zwischen "öffentlich", "privat", "kollektiv" und "individuell", die Frage, ob die Gefühlswelten der Blogger in irgendeiner Form Rückschluss auf die Struktur des Mediums zulassen, bleibt jedoch - genauso wie daraus abgeleitete Zukunftsvisionen - offen.

Ähnliche Visualisierungsstrategien werden bei der Installation Spacequatica vorgeführt, die in den vergangenen Jahren bereits im Ars Electronica Center in Linz zu sehen war. Gesteuert durch ein Schlagzeug kann der "Drummer" einen Tauchgang durch eine dreidimensionale Meereslandschaft unternehmen und vorbeischwimmende Fische durch Schläge auf die Drumsets zum Singen bringen. Wo in diesem Kontext bzw. auch beim partizipatorischen Projekt Wikimap Wien das menschliche Gefühl als Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine bleibt, ist ebenso fraglich wie bei der Initiative RoboCup, die es sich zum Ziel gesetzt hat, bis 2050 ein Team aus autonomen humanoiden Robotern zu entwickeln.

Gewinnkriterium Nummer 1: Entspannung

Einzige Ausnahme in der Ausstellung E-Motion ist das als "Two-Player-Game" getarnte Projekt Brainball, bei dem nur jener Spieler gewinnt, der sich am besten entspannen kann: Eine Kugel wird mittels Stirnband über die Gehirnströme des Trägers gesteuert und bewegt sich erst bei ausreichenden Alpha- und Theta-Wellen über über den Tisch. Herkömmliche Spielkonzepte, die in der Regel auf Aktivität und Konzentration basieren, werden mit dieser Arbeit ins genaue Gegenteil verkehrt und die menschliche Biosensorik als Schnittstelle zwischen Spiel-, Kunst- und Forschungsprojekt eingesetzt. Auch wenn Brainball (1999) bald einen runden Geburtstag feiert, verbindet das in Schweden entwickelte Display technologische Aspekte der Kunst mit der Frage nach dem Menschen und seiner Funktion innerhalb solcher Systeme und stellt einen Kontrapunkt zu den übrigen Arbeiten im net.culture.space dar.

Dem reinen Fokus auf "neue" Technologien, konzeptueller Schwäche und allen experimentellen Spielereien zum Trotz, bleibt zu hoffen, dass sich Medienkünstler irgendwann aus ihrer Rolle als Labormäuse des Kunstbetriebs befreien können. Und wer weiß, vielleicht reißen sie ja wirklich einmal die Weltherrschaft an sich. (fair)

net.culture.space
quartier21/MQ (transeuropa)
Museumsplatz 1, A-1070 Wien

Link
www.netculturespace.at

  • Colorsh.o. (Hideaki Ogawa, et al) (2005)
    foto: net.culture.space

    Colors
    h.o. (Hideaki Ogawa, et al) (2005)

  • SpacequaticaThe Sancho Plan (2005)
    foto: net.culture.space

    Spacequatica
    The Sancho Plan (2005)

  • BrainballInteractive Institute Smart Studio (1999)
    foto: net.culture.space

    Brainball
    Interactive Institute Smart Studio (1999)

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