"Medikamentensucht wird bagatellisiert"

4. Februar 2008, 11:57
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Schlafmittel und Tranquilizer führen häufig unbemerkt in eine Sucht, die oft nicht ernst genommen wird - Michael Musalek, Leiter des Anton Proksch Instituts im Interview

"Wir müssen davon ausgehen, dass insgesamt um die 100.000 bis 120.000 Menschen in Österreich medikamentenabhängig sind, es gibt aber eine hohe Dunkelziffer." Generell steigt der Medikamentenkonsum mit dem Alter stark an. Gerade bei der Medikamentenabhängigkeit sei die Datenlage aber besonders schlecht, sagt Michael Musalek, Leiter des Anton Proksch Instituts im Interview mit Marietta Türk. Die Gründe: Viele Menschen melden sich nicht oder sind schon lange Zeit abhängig, ohne es zu wissen oder es wissen zu wollen. Zusätzlich wird das Problem vor allem bei alten Menschen oft akzeptiert.

derStandard.at: Weiß man welche 'legalen Drogen' hauptsächlich genommen werden und warum gerade ältere Menschen abhängig sind?

Musalek: Die meisten sind abhängig von Tranquilizern beziehungsweise Schlafmitteln, ein Teil auch von Schmerzmitteln oder einer Kombination davon. Diese Mittel werden nicht illegal besorgt, sondern werden vom Arzt verschrieben, weil es um die Behandlung von Schlafstörungen, Schmerz-, Unruhe- oder Angstzuständen geht. Störungen, von denen ganz besonders alte Menschen betroffen sind.

derStandard.at: Welche Rolle spielt dabei der Verschreibungsusus der Ärzte?

Musalek: Wir kennen das Phänomen des Doctor Shoppings: Ältere Menschen gehen zu verschiedenen Ärzten und sind in der Regel nicht nur beim Hausarzt in Behandlung, sondern auch bei verschiedenen Fachärzten. So kommen sie doch zu einer größeren Menge von Medikamenten.

derStandard.at: Das Problem ist ja bekannt unter den Medizinern, wie reagieren sie darauf?

Musalek: Ja, das Problem ist bekannt. Wir sehen insofern eine Verbesserung, dass man früher gerne nur die Symptome behandelt hat und heute die meisten Mediziner bei einer Depression nicht nur die Spannungszustände, die damit oft einhergehen, behandeln, sondern auch die Grunderkrankung. Sie verschreiben also Antidepressiva.

derStandard.at: Können Antidepressiva nicht auch süchtig machen?

Musalek: Wir haben eine ganze Reihe von Medikamenten aus der Reihe der Psychopharmaka, die nicht abhängig machen, zum Beispiel Neuroleptika. Antidepressiva machen keine Sucht, sondern es sind vor allem jene Medikamente, die Zustände nur temporär verändern, beziehungsweise überhaupt zudecken.

derStandard.at: Wie können Menschen unwissentlich abhängig werden?

Musalek: Weil sich eine Medikamentensucht schleichend einstellt. Die Substanzen, um die es hier geht, sind ja prinzipiell sehr gut wirksame Substanzen. Das Problem ist nur, wenn man sie chronisch einnimmt, kommt es zur Abhängigkeit.

derStandard.at: Hat sich die Wahrnehmung der Medikamentensucht in den vergangenen Jahren verändert?

Musalek: Noch vor zehn, 15 Jahren ist das Thema nicht wirklich ernst genommen worden. Aufgrund einer gewissen Sensibilisierung in den vergangenen Jahren, verändern sich aber doch langsam die Verschreibungsgewohnheiten und viele Mediziner gehen vorsichtiger mit den Substanzen um als früher. So gesehen könnten wir hoffen, dass es zu einer Abnahme kommt. Allerdings nehmen genau jene Belastungsfaktoren, die zur Abhängigkeit führen zu: Leistungsbezogenheit, Druck am Arbeitsmarkt, der dann zu Spannung- Unruhezuständen, Schlafstörungen führt, die man dann versucht mit solchen Medikamenten zu kompensieren.

derStandard.at: Welche Formen der Abhängigkeit gibt es?

Musalek: Das eine ist die High Dose Depedency, bei der es zu einer permanenten Dosissteigerung kommt. Nicht selten werden die Medikamente dann nicht mehr zum Schlafen verwendet sondern als Beruhigungsmittel. Der Betroffene braucht dann nicht mehr ein oder zwei sondern schon vier oder fünf Tabletten. Hier ist in jedem Fall eine Behandlung durchzuführen.

derStandard.at: Und was ist die andere Form?

Musalek: Bei der Low Dose Dependency haben die Patienten über Monate oder Jahre eine relativ niedrige Dosierung. Sie kommen von der Substanz aber praktisch nicht weg, denn sobald sie sie absetzen, reagiert der Körper mit Entzugserscheinungen. Diese Form der Abhängigkeit ist sehr schwierig zu erkennen, weil ja die meist geglaubt wird, dass die Medikamente gut tun. Letztlich sind sie aber abhängig. Da muss der Arzt sehr gut die Vor- und Nachteile der Medikation abwägen.

derStandard.at: Was sind die Symptome einer Medikamentensucht?

Musalek: Man braucht immer mehr von einer Substanz für die gleiche Wirkung. Ein entscheidendes Merkmal ist auch, dass man die Einnahme nicht mehr wirklich kontrollieren kann und schon im Vorhinein Mittel einnimmt, damit es zum Beispiel nicht zu Unruhezuständen kommt. Mit der Zeit kommt es auch zu einer Einengung auf die Medikamenteneinnahme, das Wesentliche des Tages ist dann die Verfügbarkeit der Medikamente.

derStandard.at: Wie merke ich als Angehöriger, dass zum Beispiel meine Großmutter medikamentensüchtig ist?

Musalek: Als Laie kann man das an drei Dingen merken. Meist fragen die Süchtigen ob man selbst Medikamente hat und aushelfen kann – das ist die leichteste Form des Erkennens, aber leider gleichzeitig auch die seltenste. Zweitens, wenn ein alter Mensch sehr unruhig und zittrig ist, schwitzt, über Angstzustände klagt, die nur bei entsprechender Medikation weggehen. Das muss noch nicht heißen, dass man wirklich süchtig ist, aber man sollte es im Hinterkopf behalten. Ein drittes Zeichen ist, wenn ältere Menschen benommen und müde wirken, verändert, obwohl kein Grund dafür vorliegt und auch keine Alkoholisierung. Das ist nicht selten eine Überdosierung von Medikamenten.

derStandard.at: Bagatellisieren viele Angehörige das Problem?

Musalek: Ja, oft weiß man, dass eine Abhängigkeit besteht, aber man sagt, es zahlt sich aufgrund des Alters fast nicht mehr aus einen Entzug zu machen. Das ist aber problematisch, weil sich diese Patienten ja letztlich in einem permanenten Entzug befinden.

derStandard.at: Wie gefährlich sind Entzugserscheinungen für Ältere?

Musalek: Da braucht man eine vollständige Bandlung, auf keinen Fall sollte man das selbstständig zuhause machen. Vor allem, weil alte Menschen ja multimorbid sind und die Medikamente ja auch nicht grundlos verschrieben werden.

Im Entzug kann es zu vegetativen Entgleisungen kommen, vor allem des Herz-Kreislaufsystems. Auch Verschiebungen im Elektrolyt-Stoffwechsel durch Schwitzen und erheblichen Flüssigkeitsverlust sind möglich. Noch dazu trinken alte Menschen sowieso relativ wenig trinken und kompensieren das auch nicht. Manchmal kann es auch zu epileptischen Anfällen kommen.

derStandard.at: Warum ist die Medikamentenabhängigkeit in Österreich gesellschaftlich relativ akzeptiert?

Musalek: Neben der Nikotinabhängigkeit ist es die noch am meisten akzeptierte, solange nicht von einer Sucht gesprochen wird. Das große Problem ist, dass diese Suchtform so lange nicht auffällt. Weil es ja doch relativ hohe Dosen sind, versuchen die Betroffenen natürlich lange, diese Abhängigkeit zu verbergen, weil Sucht insgesamt schon eine hoch stigmatisierende Erkrankung ist. (derStandard.at, 1.2.2008)

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    Zur Person

    Michael Musalek ist Psychiater und Leiter des Anton-Proksch-Instituts für Alkohol- und Medikamentenabhängige

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    foto: photodisc
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