Interview: Ein höllischer Schrecken für die Diktatoren

4. Februar 2008, 15:33
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Die Journalistinnen Randa Abul-Azm und Magda Abu-Fadil im STANDARD-Interview über den Alltag in arabischen Medien

"Irgendein Idiot" blockiert eine Webseite zu Brustrekonstruktionen, arabische Anchorleute wissen nicht, wann sie ihre Meinung dazu sagen sollen: Die Journalistinnen Randa Abul-Azm und Magda Abu-Fadil sprachen mit András Szigetvari über den Alltag in arabischen Medien.

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STANDARD: Ist es etwas Besonderes, über den Nahen Osten zu berichten, oder ist das journalistische Arbeit wie jede andere auch?

Abu-Fadil: Die Gefahr ist natürlich immer, dass man zu sehr in eine Geschichte verwickelt ist. An so etwas wie Objektivität glaube ich sowieso nicht. Aber es gibt Standards, die wichtig sind. Etwa Geschichten in einen Kontext zu stellen. Ich glaube nicht an Fallschirm-Journalisten, also Leute, die in eine Region kommen, nichts wissen und trotzdem berichten. Und Nachrichten und Ansichten müssen strikt getrennt sein. Unglücklicherweise überqueren Araber oft diese Grenze und machen nicht diese Unterscheidung.

Abul-Azm: Aber vor allem, weil das Konzept sehr neu ist. Der erste arabische Satellitensender nahm erst 1992 seine Arbeit auf. Das war schon für sich eine Revolution. Die Nachrichten waren so anders als das, was die Menschen vorher gesehen hatten. Plötzlich wurde da über Probleme berichtet und nicht über Könige und Präsidenten.

Aber die Idee der Ausgewogenheit, dass jemand von der Opposition und der Regierung zu Wort kommt, all das ist ein neues Konzept. Es gibt kaum ethische Grundsätze, Anchorleute wissen oft selbst nicht: Sollen sie nach einem Bericht ihre Meinung dazusagen?

STANDARD: Haben die Satellitensender und das Internet zu einer Demokratisierung im arabischen Raum beigetragen?

Abul-Azm: Sicher. Aber die Verbesserung ist nicht so groß wie erhofft. Die Blogger gewinnen gerade in Ägypten an Bedeutung, weil sie einen Effekt auf andere Medien haben. Ihre Geschichten werden von Zeitungen nachrecherchiert, dann vom Fernsehen übernommen und bekommen so eine wirklich große Verbreitung.

Abu-Fadil: Und diese Tendenzen sind unaufhaltbar. Die Regime können Websites blockieren, doch es entstehen neue. Das jagt den Diktatoren einen höllischen Schrecken ein. Das Ganze hat aber auch eine andere Seite: Ein Arzt - ich möchte nicht sagen in welchem Land - wollte unlängst auf einer Medizinertagung Bilder einer Brustrekonstruktion auf einer Webseite zeigen. Die Regierung blockierte die Seite. Irgendein Idiot konnte den Unterschied zwischen Pornografie und Medizin nicht erkennen. Insoweit müssen auch die staatlichen Organe geschult werden, um mit den neuen Medien umgehen zu können.

STANDARD: Den arabischen Medien wird oft vorgeworfen, über den Nahostkonflikt zu einseitig zu berichten.

Abu-Fadil: Dass der israelisch-palästinensische Konflikt unser zentrales Thema ist, lässt sich nicht vermeiden. Es gibt andere Probleme: Armut, Wasser, Gesundheit. Aber es ist der Kernkonflikt, weil es nach wie vor eine offene Wunde gibt.

Dass besonders Al-Jazeera vorgeworfen wird, Hass zu schüren, dahinter steckt auch die Frage, wie klinisch man über Leid berichten darf. In den US-Medien gibt es die Direktive, nicht zu viel Blut zu zeigen. Ich muss nicht unbedingt fünf Minuten eine Kamera auf jemanden halten, dem die Gedärme aus dem Bauch quellen. Aber ich muss den Schaden, der angerichtet wird, auf beiden Seiten zeigen.

STANDARD: Ist es als Frau schwerer in den arabischen Medien?

Abul-Azm: Was viele Frauen zurückwirft, ist die Doppelbelastung durch Beruf und Familie. Ich bin eine alleinerziehende Mutter. Am Ende des Tages, nachdem ich über einen Anschlag berichtet habe, komme ich nach Hause und meine Tochter sagt zu mir: "Mutter, ich möchte, dass du mir Waffeln machst." Das unter einen Hut zu bringen, ist die wahre Herausforderung! (DER STANDARD, Printausgabe, 30.1.2008)

Zur PErson: Randa Abul-Azm ist Chefin des Kairoer Büros von "Al-Arabia". Die Libanesin Magda Abu-Fadil arbeitete bei AFP und bildet Journalisten an der American University in Beirut aus. Abul-Azm diskutiert heute, Mittwoch, unter anderem mit Standard- Journalistin Gudrun Harrer im Wiener Kreisky Forum über "Women, Media and the Public Opinion".
  • Die Journalistinnen Randa Abul-Azm (li.) und Magda Abu-Fadil.
    foto: heribert corn

    Die Journalistinnen Randa Abul-Azm (li.) und Magda Abu-Fadil.

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