"An ihrer Seite": Das allmähliche Verschwinden

3. Februar 2008, 19:40
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Zwischen Einfühlsamkeit und Poesiezwang: Das Alzheimer-Drama "An ihrer Seite" mit Julie Christie und Gordon Pinsent

Wien – Weiß, so weit das Auge reicht. Die verschneiten Felder grenzen an das behagliche Domizil, in dem Fiona (Julie Christie) und Grant (Gordon Pinsent) ihren Lebensabend gemeinsam verbringen wollten. Doch so wie der Schnee mit allmählicher Ruhe alles bedeckt, so verschwinden mit schleichender Grausamkeit auch Fionas Erinnerungen an die mehr als vierzig Jahre Ehe. Es beginnt harmlos: eine Bratpfanne, die mit größter Selbstverständlichkeit im Gefrierfach verstaut wird; kleine Notiz-Zettel zum Etikettieren der Küchenschränke. Noch kann man scherzen über solche Aussetzer. Aber immer verlorener wird Fionas Blick bei Wanderungen in der winterlichen Umgebung. Was die Farbe Gelb bedeutet, weiß sie erst wieder, wenn sie vor einer gelben Blume steht.

Eine geliebte Person an Alzheimer zu verlieren ist schrecklich. Äußerlich bleibt der Mensch derselbe, innerlich vergeht er. Dass der Verfall im Unsichtbaren vor sich geht, bedeutet eine schwere Prüfung vor allem für die Angehörigen, die sich nur hilflos darauf einstellen können, dass ihnen jemand, der ihnen ein Leben lang vertraut war, täglich fremder gegenübersteht. Misstrauen, Zweifel und Vorwürfe sind ständige Begleiter dieser Krankheit. Das Vergessen zersetzt die Beziehung. Darum wissen auch Grant und Fiona. Deshalb entscheidet sie, sich selbst in ein Pflegeheim einzuweisen, obwohl Grant alles andere als glücklich darüber ist.

Sanfte Melancholie

Die Kanadierin Sarah Polley hat als Schauspielerin in Mein Leben ohne mich von Isabel Coixet selbst schon eine Todkranke gespielt: jung, mit glühendem Lebenswillen. In ihrem Regiedebüt gibt sie der Krankheit ein weiches, fast zärtliches Gesicht. An ihrer Seite (Away From Her) erspart uns das Pathos des Verfalls. Keine unkontrolliert zuckenden Hände, keine sabbernden Greise, kein Realismus der Nachttöpfe. Die Klinik ist ein lichtdurchfluteter Ort von sanfter Melancholie und voller hingebungsvoller Pflegekräfte. Am Morgen ihrer Einweisung weiß Fiona, vor dem Spiegel stehend: Sie werden mich dort hervorragend aussehen lassen, und das tun sie auch.

Fast scheint es, als wäre der Umzug für Fiona nicht mehr – und auch nicht weniger – als der Beginn eines neuen Lebens. Grant muss akzeptieren lernen, dass sie ihn bald nur mehr wie einen kuriosen Bekannten ansieht, während sie einem Mitpatienten mehr als nur freundschaftlich zugetan ist. In dieser Konstellation kommt der Film zu seinem eigentlichen Einsatz: Kann Liebe ertragen, nicht nur die Nähe der Geliebten aufgeben zu müssen, sondern sie auch noch an einen anderen zu verlieren? Grant sagt, es mache ihn glücklich, Fiona glücklich zu sehen. Aber noch das ist nicht genug, wie sich herausstellt.

Mit dieser Volte allerdings wird die Krankheit in An ihrer Seite endgültig zur Metapher. Grant war, wie ein Eingeständnis und Rückblenden erweisen, nicht immer der treusorgende Ehemann. Seine zahlreichen Seitensprünge hat Fiona ihm mittlerweile verziehen, sagt sie – oder etwa doch nicht? Diesen Zweifel, ob alles nur gespielt sein könnte, kann Grant, und der Zuschauer mit ihm, nicht vermeiden. Dann wäre Fionas "Vergessen" nur ein Symptom dafür, die Untreue ihres Ehemanns jahrelang erduldet zu haben.

Der Film löst diesen Zwiespalt nicht auf, er entwickelt ihn aber auch nicht (bis zur letzten, entscheidenden Szene). In diesem Verschweigen und Andeuten kippt allerdings auch Polleys einfühlsame Inszenierung immer wieder, dann wird aus verhaltener Vorsicht Poesiezwang, und man möchte die Vorhänge, die die Wintersonne von draußen milde filtern, am liebsten ganz weit aufreißen. (Dietmar Kammerer, DER STANDARD/Printausgabe, 30.01.2008)

  • Ehepaar am Scheideweg: Julie Christie – mit dieser Rolle Golden-Globe-prämiert und für einen Oscar nominiert – und Gordon Pinsent in Sarah Polleys Drama "An ihrer Seite".
    foto: einhorn

    Ehepaar am Scheideweg: Julie Christie – mit dieser Rolle Golden-Globe-prämiert und für einen Oscar nominiert – und Gordon Pinsent in Sarah Polleys Drama "An ihrer Seite".

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