Maskulinität und Kindischsein

3. Februar 2008, 19:44
33 Postings

Lauter! Härter! Ärger! Die Linzer Extrem-Formation "Fuckhead" besteht seit zwanzig Jahren - Eine Biografie: Didi Bruckmayr blickt zurück – und in die Zukunft

Eine Biografie voll selbst verursachtem Schmerz, maskulinen Rollenspielchen und einer Begegnung mit einem berühmten Fan, dem Poptragöden Scott Walker. Frontmann Didi Bruckmayr blickt zurück – und in die Zukunft.

* * *


Wien – Sich Fleischerhaken durch die Brust zu rammen und sich daran aufhängen zu lassen, das würde Didi Bruckmayr heute nicht mehr tun: Diesen Plafond des Extremen erreichte er in den späten 90ern mit Fuckhead im Wiener WUK. Bruckmayr, "noch 41", ein lebendes Kunstwerk aus dem Tattoo-Studio und Doktor der Handelswissenschaften: "Diese Anwandlungen von Selbstverstümmelung gingen auf Kosten der Energie des Publikums und der Band. Ich hab es dann gelassen. Nicht wegen der Verletzungen, sondern weil Leute gekommen sind und gefragt haben, warum tust du uns das an? Es war ein beschwerlicher Weg zu einem sorgfältigeren Umgang mit sich selbst und seinem Publikum."

Fuckhead aus Linz begehen dieser Tage ihr zwanzigjähriges Bandjubiläum. Wobei die Bezeichnung "Band" definitiv zu konventionell erscheint. Einsatztruppe scheint passender. Seit ihrem Auftauchen in der Alternative-Szene von Linz Ende der 80er schlug die sich personell immer wieder verändernde Formation einen gänzlich anderen Weg ein als eine auf Erfolg schielende Band.

Fuckhead speiste sich aus Punk, Lärm und einem stärker werdenden Aktionismus, der als bewusste Provokation gegen eine zusehends verspießernde Gegenkultur eingesetzt wurde – und wird. Die beständige Veränderung ist eine der Konstanten bei Fuckhead, die ihre Zutaten folgerichtig beim Techno ebenso bezog wie aus der bildenden Kunst. Bruckmayr: "Wichtig und interessanter war und ist die Physis des Sounds. Einflüsse in dem Zusammenhang waren Künstler wie die Einstürzenden Neubauten, Swans, aber auch ein Killing-Joke-Ableger. Der war rhythmisch hart und unglaublich laut. Das hat mir getaugt. Ich wollte eine Plattform schaffen, auf der man das eigene Unvermögen, seine Freude und seine jugendliche Arroganz ausleben konnte."

Die Musik von Fuckhead wie auch ihre Bühnenumsetzung war lange dem Avantgarde-Gedanken verpflichtet: Lauter, härter, ärger! Damit drangen Fuckhead unfreiwillig auch in den Kunstbereich vor. Bruckmayr: "Aufgrund der Wiener Aktionisten als mächtiger Überväter war es naheliegend, uns dort zu verorten. Wir haben dann als physisch doch recht gut beieinander seiende Typen die machistischen Rollenspiele im Rock- und Hardcore-Bereich aufgebrochen und Schwulitäten eingesetzt. Das hat uns Ärger eingebracht. Da stand schnell der Faschismus als Vorwurf im Raum. Oder man hat uns gesagt, dass schon unser Name beweise, wie deppert wir wären. In Japan hat man unseren Ansatz ganz anders verstanden, als Polarität aus Maskulinität und Kindischsein."

Einer, den Fuckhead ebenfalls faszinierten, war der düstere britische Poptragöde Scott Walker, der in den 60ern mit den Walker Brothers (The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore) weltberühmt wurde und Fuckhead zu dem im Jahr 2000 von ihm kuratierten Meltdown-Festival in der Londoner Royal Festival Hall einlud.

Scott Walkers Mirakel

Bruckmayr: "Das war lustig. Dort gibt es sogar eine Loge für die Queen, die war aber nicht da. Walker haben wir nur kurz gesehen. Plötzlich stand ein freundlicher älterer Herr in Schlapfen vor uns und hat sich für den Abend bedankt. Wir wären das große Mirakel gewesen, hat er gemeint, weil er keine Ahnung hatte, was wir live machen würden. Er hat uns dann auf seinem Album The Drift gesampelt – brav mit Credits!"

Nachdem das Tabubrechen im Zeitalter von Realityshows weitgehend vom Fernsehen übernommen wurde, beziehen Fuckhead ihre Motivation und Inspiration längst anderswo. Hat der Körper als Schlachtfeld ausgedient?

Bruckmayr: "Austragungsort ist mir lieber als Schlachtfeld. Das mit den ,Modern Primitives‘ ist ja mittlerweile zu Tode kommerzialisiert. Ich war anfangs sehr fasziniert davon, zumal es da Tätowierungen zu sehen gab, die es damals bei uns noch nicht gab. Aber die Riten darum erscheinen mir fast schon spießig. Interessant war die Suche nach Transzendenz, die der Kunst innewohnt. Und da gibt es Wege wie den Schmerz. Industrial Music hat aufgegriffen und sexuell konnotiert, was also ,sleazy‘ und noch spannender war. Die Band Coil hat es homosexuell aufgeladen, auch sehr interessant. Aber mittlerweile begreifen die Leute bei uns, dass das gespielt wird. Ich rede auch immer mit den Zuschauern. Wir brauchen zwar meistens sehr lange, bis wir nach einem Auftritt wieder sauber sind, aber dann rede ich mit ihnen."

Bruckmayr ist auch neben Fuckhead ein vielbeschäftigter Mann. Mit Fadi Dorninger, Dieter Kern und Alex Jöchtl betreibt er die grandiose Band Wipeout und veröffentlicht auch als Solokünstler. Als solcher ist er im März beim niederösterreichischen Festival Imago Dei zu erleben, mit Fuckhead unter anderem beim Donaufestival in Krems. Dazu veröffentlichen Fuckhead heuer mehrere Alben, darunter eine Live-Show mit dem Titel Palace of Sonic Marvels, Termine in Kanada, Nord-, Mittel- und Südamerika stehen an.

Wie lange kann man ein Dasein als "Fuckhead" durchhalten? Bruckmayr: "Solange es spannend bleibt." (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 30.01.2008)

20 Jahre Fuckhead: Live am 31.1., Chelsea, 1080 Wien, Lerchenfeldergürtelbögen 29-32. Beginn: 21.00
  • Artikelbild
    foto: c. österlin
  • foto: c. österlin

  • Fuckhead mit Frontmann Bruckmayr: Die Linzer Bühnenextremisten bestehen seit zwanzig Jahren.
    foto: c. österlin

    Fuckhead mit Frontmann Bruckmayr: Die Linzer Bühnenextremisten bestehen seit zwanzig Jahren.

Share if you care.