Intendanz gesucht

30. Jänner 2008, 16:05
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Kulturstadtrat Mailath-Pokorny hat "im Sinne der Theaterreform" entschieden: Der im Sommer 2009 auslaufende Vertrag von Sigrid Gareis wird nicht verlängert

Noch im Frühjahr soll die Intendanz "offen und international" ausgeschrieben werden.

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Wien – Mit einem Stimmverhältnis von 3:1 und einer Enthaltung beschloss das Kuratorium des Tanzquartiers Wien, wie SP-Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny am Dienstag bekanntgab, die Intendanz von Sigrid Gareis nicht weiter zu verlängern. Der Posten werde im Frühjahr neu ausgeschrieben, und zwar "offen und auch international".

Die IG Freie Theaterarbeit lobt diesen Schritt als "Zeichen für die Seriosität und Qualität der Wiener Theaterreform" und als "wichtiges Zeichen demokratiepolitischer Sensibilität".

Während der gegenwärtigen Debatte hatte Sigrid Gareis darauf hingewiesen, dass sie nie gefragt worden sei, ob sie selbst eine Verlängerung erwäge. Nach einem Votum aus der Wiener Tanz- und Kulturszene erklärte sie sich dafür bereit. In einer ersten Stellungnahme nach einem Gespräch mit Mailath sagte sie: "Der Stadtrat hat mich gebeten, in der Frage der Nachfolge aktiv mitzuwirken." Mailath scheint es angebracht, "neue Wege zu beschreiten, die darauf aufbauen sollen, was Sigrid Gareis geleistet hat".

Gareis berichtet: "Unser Gespräch ging dahin, zu stabilisieren, was mit dem Haus erreicht wurde." Offene Probleme gebe es noch mit den vom TQW bespielten Museumsquartier-Hallen und in der Kuratoriumssituation, mit der das TQW einen Sonderfall darstelle. Man müsse "eine einheitliche, qualifizierte Evaluierungsstruktur innerhalb der Theaterreform" schaffen. Über das Ausmaß der laufenden Diskussion ist Gareis überrascht: "Als ob es um einen Operndirektor ginge!"

Nach ihrem Blick in die Zukunft gefragt, sagt Gareis: "Mein großer Wunsch ist, dass eine tolle Nachfolge kommt!" Eine Intendanzlösung sei gerade wegen der verwickelten Lage in der Szene wichtig, "weil in Schlüsselhäusern wie dem TQW unabhängig von künstlerischen Eigeninteressen entschieden werden muss". Darin solle es aber künstlergeleitete Strukturen geben, "diese sind unabdingbar". Aus Mailaths Büro heißt es, dass der Kulturstadtrat ebenfalls das Intendantenmodell bevorzugt. Damit wären die Pläne einiger Wiener Choreografen, die sich mit der IG Freie Theaterarbeit für ein von Künstlern verwaltetes Leitungsmodell eingesetzt haben, vom Tisch.

Bedenken gegen Mailaths Entscheidung kommen von jenen Tänzern, die sich eine weitere, zweijährige Funktionsperiode von Gareis gewünscht hatten. Künstlersprecher Daniel Aschwanden kommentiert: "Sie ist der Arbeit, die im TQW geleistet wurde, unangemessen." Hier werde ein seltsames Exempel in der Genauigkeit der Umsetzung der Theaterreform statuiert, auf die Mailath sich in seiner Entscheidbegründung beruft. Wobei ihn die entsprechende "Richtlinie zur Konzeptförderung" der Theaterreform in den entscheidenden Punkten über künstlerische und kaufmännische Leitungen allerdings zu nichts verpflichtet.

Aschwanden: "Zu überprüfen wäre, ob das nicht auch eine Attacke auf die ästhetische Ausrichtung des TQW ist." Auch die Rolle der IG Freie Theaterarbeit sei noch aufzuarbeiten, die in diesem Prozess eine sehr einseitige Rolle gespielt habe.

Die Choreografin Christine Gaigg meint: "Wir werden fordern, dass die internationale und diskursive Linie fortgesetzt wird." Kollegin Sabina Holzer ergänzt: "Die Kriterien der Ausschreibung müssen das gewährleisten." Denn auf dem Rücken einer TQW-Intendanz dürften nicht Konflikte ausgetragen werden, die sich u. a. aus dem Mangel anderer Spielstätten ergeben. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 30.01.2008)

  • Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Sprache: William Forsythes Choreografie "Heterotopia", kürzlich im TQW, als Sinnbild für die Zukunft des Hauses.
    foto: mentzos

    Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Sprache: William Forsythes Choreografie "Heterotopia", kürzlich im TQW, als Sinnbild für die Zukunft des Hauses.

  • Wäre geblieben, geht ohne Groll: Sigrid Gareis.
    foto: burianek

    Wäre geblieben, geht ohne Groll: Sigrid Gareis.

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