Politisches Labor der Bundesrepublik

31. Jänner 2008, 15:25
posten

In Hessen haben raue Töne und starke Pendelausschläge Tradition

Die minus zwölf Prozentpunkte für die hessische CDU lassen sich auch ohne genaue Wählerstromanalysen unschwer zuordnen: Frühere Unionswähler, die mit Roland Kochs scharfem Kurs gegen jugendliche Kriminelle und ausländische Straftäter nicht einverstanden waren, blieben entweder zuhause oder wählten SPD oder FDP. Die Polarisierung, die Koch 1999 mit seiner Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft ins Amt des Ministerpräsidenten gebracht hatte, schadete ihm diesmal.

Starke Wählerbewegungen sind in dem sozial und kulturell sehr heterogenen Bundesland (hoher Ausländeranteil in der urbanen Agglomeration rund um Frankfurt/Main, viele mittelgroße Städte, ländliche Regionen wie das Weinbaugebiet Rheingau) nichts Überraschendes. Das sozialdemokratisch dominierte legendäre "rote Hessen"ging zu Ende, als Alfred Dregger, Oberbürgermeister von Fulda, 1967 den Vorsitz der CDU übernahm. Mit einem Law-and-Order-Kurs, der ihm den Spitznamen Django eintrug, machte Dregger die Partei innerhalb von zwei Legislaturperioden zur stärksten Kraft (1966: 26,7, 1970: 39,7, 1974: 47,3 Prozent). Die rechtsextreme NPD fiel im selben Zeitraum von 7,9 auf ein Prozent.

Dregger ist eines der politischen Vorbilder von Roland Koch. Dessen (inzwischen verstorbener) Vater Karl-Heinz Koch war hessischer Justizminister. Erster CDU-Ministerpräsident wurde aber nicht Dregger, sondern, 1987, der frühere Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann. Er löste im Bündnis mit der FDP Deutschlands erste rot-grüne Koalition ab.

Diese hatte SPD-Regierungschef Holger Börner 1985 besiegelt - mit Joschka Fischer als Umweltminister. Die Protestbewegung gegen eine neue Startbahn des Flughafens Frankfurt, der auch Fischer angehörte, wollte Börner noch "mit der Dachlatte" zur Räson bringen. 1987 zerbrach Rot-Grün am Streit um die Atompolitik. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 29.1.2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Turnschuhe, in denen Joschka Fischer 1985 als hessischer Umweltminister vereidigt wurde, stehen heute im Museum.

Share if you care.