Daheim in der erzählten Welt

29. Jänner 2008, 21:21
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Wer erfolgreich ist, wird vereinnahmt: Der Wiener Filmemacher Arash T. Riahi sieht sich dennoch nicht als Österreicher - ein Porträt

Als Heimat großer Söhne hat Österreich auch manchmal Rivalinnen. So wird der Wiener Filmemacher Arash T. Riahi in den Medien zwar als "iranischstämmiger Österreicher" bezeichnet und seine Filme werden als "österreichische Produktionen" auf Festivals herumgreicht. Dennoch sieht sich Arash "jedenfalls nicht als Österreicher": Die Frage nach der Heimat hat keine klare Antwort.

Im Gegensatz zu den Taxi lenkenden Chirurgen oder den Teppich verkaufenden Kunsthistorikerinnen, die seit langer Zeit hier leben, aber immer noch als "Zuwanderer" gelten, ist der preisgekrönte Filmemacher - Exile Family Movie wurde unter anderem 2006 mit dem Großen Diagonale Preis für den besten Österreichischen Dokumentarfilm ausgezeichnet - jedoch längst vereinnahmt worden. "Ich sehe das nicht so schlimm", sagt Arash. "Was soll man sonst machen. Ich lebe hier und bin froh, dass ich da bin. Und ich habe die österreichische Staatsbürgerschaft."

Mit der Schultasche ins Kino

Als Arash zwei Jahre alt war, steckte man seinen Vater, einen unbequemen Linken, ins Gefängnis. Nach fünf Jahren Folter kamen Umsturz und Befreiung der Gefangenen, doch die Islamische Republik sah schnell einen neuen Feind in ihm. Ein Jahr lang packte der achtjährige Arash seine Schultasche zum Schein. Die Nachbarn durften nicht wissen, dass die Familie untergetaucht war. Statt zur Schule ging er ins Kino. "Vielleicht kommt daher meine Liebe zum Film", meint Arash. Eines Tages hieß es, er solle seine Sachen packen. Die Familie fahre auf Besuch zur kranken Oma. Arash heulte vor Angst um die Großmutter. Nach ein paar Stunden Fahrt merkte er, dass etwas nicht stimmen konnte: Omas Haus lag in der anderen Richtung. "Wir machen eine Rundreise durch den Iran", erklärte die Mutter. Später, an der türkisch-iranischen Grenze, hieß es dann: "Wir machen eine Weltreise."

Grammatik im Baumhaus

Als Arash nach Wien kam, war er neun Jahre alt und sprach kein Wort Deutsch. Die KlassenkollegInnen hielten ihn vorerst für einen Türken. Im Hof der Wohnanlage gab es ein Baumhaus. "Dort habe ich in den Sommerferien Dativ und Akkusativ gelernt." Das vierte Volksschuljahr musste er wiederholen, beim zweiten Anlauf reichte es im Deutschunterricht schon für einen Dreier.

Was Wien für ihn damals war, was die Stadt ihm Neues bot, weiß er nicht mehr so genau. "Ich war damals vor allem damit beschäftigt, Freunde zu finden." Immerhin gelang es ihm, den Klassenstärksten zu verprügeln. Das verschaffte ihm zwar auch keine Freunde, aber zumindest Respekt – und Selbsterkenntnis. "Im Iran wurde ich eher verprügelt, jetzt dachte ich: Entweder die Österreicher sind total schwach, oder irgendwas ist im Lauf dieser Flucht mit mir passiert." Anschluss fand er zuerst eher bei "anderen Ausländern" aus der Türkei und aus Jugoslawien. "Die haben mich besser aufgenommen."

Brain Drain

"Meine Heimat ist verteilt", sagt Arash heute. Auf den Ort seiner Kindheitserinnerungen einerseits, und auf Wien, wo seine Eltern leben. Auch sie sind Opfer jenes Phänomens, das der Regisseur meint, wenn er vom Iran als "das Land mit dem größten Brain drain" spricht: Es sind die höheren Bildungs- (und Einkommens)schichten, die als erste fliehen. Sie bilden den politischen Widerstand und den relativen Wohlstand – zwei Faktoren, die Menschen zur Flucht veranlassen. Auch Arashs Eltern sind Akademiker. Der Vater, der im Iran Arbeiter mit linker Theorie versorgt hatte, wurde in Österreich selbst einer, bis die Strapazen im Schlossereibetrieb seinen von Folter geschundenen Körper fast umbrachten. Die Mutter, eine Literaturwissenschafterin, nähte Dirndln und Blusen für die österreichische Brauchtumspflege.

Nach der Flucht ist der heute 35-Jährige kein einziges Mal in den Iran zurück gekehrt. "Seit meinem letzten Film Exile Family Movie kann ich nicht mehr hinfahren, und nach meinem nächsten wohl noch weniger", meint Arash schmunzelnd. Um einen Ort zu feiern, muss man ihn nicht betreten: Man kann ihn erzählen. Dazu ermuntert Arash auch andere ExiliranerInnen, die Angst vor Verfolgung haben. "Irgendwer muss damit anfangen. Je mehr Menschen aufstehen, desto weniger kann man ihnen antun." (Maria Sterkl, derStandard.at, 29.1. 2008)

  • "Später hieß es, wir machen eine Weltreise": Filmemacher Arash
    foto: wega film

    "Später hieß es, wir machen eine Weltreise": Filmemacher Arash

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