Maturazeugnis von McDonald's

28. Jänner 2008, 19:08
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Hochschulreife von der Fastfood-Kette: Ausbildung wird vom britischen Staat als Matura-Ersatz anerkannt

Neuer Versuch der britischen Regierung, aus der Bildungskrise zu kommen: Privatbetriebe wie die Fastfood-Kette McDonald's dürfen Ausbildungskurse anbieten, deren erfolgreiche Absolvierung auch den Zugang zu Hochschulen ermöglicht. Das Konzept stößt aber nicht nur auf Zustimmung.

Alle staatlichen Initiativen der vergangenen Jahre zeigten wenig Wirkung: Noch immer gehen Jahr für Jahr zehntausende britischer Jugendlicher ohne nennenswerte Qualifikation von der Schule ab und bleiben deshalb auf schlecht bezahlte Arbeit angewiesen. Jetzt sollen Privat-Unternehmen der Labour-Regierung helfen, ihr Problem mit der Berufsbildung zu lösen.

Als Pionier fungiert dabei ausgerechnet jene Firma, deren Name als Synonym für schlecht bezahlte und demotivierende Arbeitsplätze, sogenannte McJobs, herhalten musste: die Burger-Kette McDonald's. In Zukunft können Angestellte in den 1200 britischen Fastfood-Filialen in Modulen einen Management-Kurs absolvieren und damit ein Diplom erwerben, das sie zum Besuch einer Fachhochschule berechtigt.

"Der Kurs wird den Leuten einiges abverlangen", sagte am Montag Premierminister Gordon Brown. "Und wer erst einmal vom Management etwas versteht, dem steht die Welt offen." An dem Pilotprojekt beteiligen sich außer McDonald's auch die Billig-Fluglinie "flybe" sowie die Eisenbahngesellschaft Network Rail.

Bisher keine Maßnahmen

Wichtig sei, dass die Unternehmen ihren Angestellten neue Kenntnisse verschafften, erklärt Regierungschef Brown: "Es geht um Qualifikationen für die Zukunft." Seit seinem Amtsantritt im vergangenen Jahr hat der Schotte immer wieder die Bedeutung von Aus- und Fortbildung hervorgehoben, ohne aber konkrete Maßnahmen vorzuschlagen. Zuletzt waren Brown und sein Bildungsminister John Denham von der konservativen Opposition dafür scharf kritisiert worden.

Denham plant außerdem eine bessere Förderung von berufsbegleitender Fortbildung, die auf der Insel seit langem ein Stiefmütterchen-Dasein führt. "Wir werden jedem Jugendlichen eine Lehrstelle anbieten können", erläutert Ökonomieprofessor Richard Layard, der die Regierung seit langem in Arbeitsmarktfragen berät. "Das ist enorm wichtig für die No-future-Generation." McDonald's kämpfte zuletzt auf der Insel mit erheblichen Imageproblemen.

Ernährungswissenschafter sorgten sich um die zunehmende Fettleibigkeit der Briten, die durch allzu häufigen Fastfood-Konsum anscheinend unaufhaltsam zunehmen. Speziell bei den Jugendlichen steigt die Zahl der Übergewichtigen rasant. Arbeitsmarktforscher betonten zudem die mangelnde Bezahlung und das schlechte Arbeitsklima in vielen der 1200 McDonald's-Filialen.

Traditionellerweise geben sich die Verantwortlichen von Fachakademien und Universitäten in Großbritannien flexibel bei der Auswahl ihrer Studenten. Eine ordentliche Berufserfahrung fällt häufig als Aufnahmekriterium stärker ins Gewicht als das Schulzeugnis.

Die neue Konkurrenz der Privatwirtschaft ruft nun aber die Gewerkschaft der Universitäts-Beschäftigten auf den Plan. Sie habe erhebliche Zweifel am Wert von Qualifikationen, die auf die Bedürfnisse einer einzelnen Firma zugeschnitten seien, sagt die Gewerkschafts-Chefin Sally Hunt: "Universitäten werden sich nicht um Leute mit ,McMatura' reißen." (Sebastian Borger/DER STANDARD Printausgabe, 29. Jänner 2008)

  • Derzeit Fiktion, in Großbritannien bald Realität: ein Zeugnis von McDonald's, das einem Maturanachweis gleichkommt.
    fotomontage: friesenbichler

    Derzeit Fiktion, in Großbritannien bald Realität: ein Zeugnis von McDonald's, das einem Maturanachweis gleichkommt.

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