Belvedere: Gesichtszüge am Entgleisen

3. Februar 2008, 19:51
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Die Charakterköpfe des Barockbildhauers Messerschmidt und die Kopfstudien des Zeitgenossen Cragg: Ein hoch vergnügliches Treffen zweier Bildauffassungen

Wien – Neben den ganzfigurigen Darstellungen, etwa der Maria Theresia als Königin von Ungarn oder von Kaiser Franz I. Stephan von Lothringen aus der Zeit seiner "Karriere" in Wien, hinterließ Franz Xaver Messerschmidt eine der seltsamsten Werkgruppen der Kunstgeschichte: 69 Köpfe in verschiedensten Metalllegierungen, aus Alabaster oder auch aus Holz.

Als "Charakterköpfe" befriedigte das Ensemble Jahrzehnte nach Messerschmidts Tod die Sensationslust der Praterbesucher, später wurden sie zerstreut, im frühen 20. Jahrhundert zunächst durch die Psychiatrie wiederentdeckt. 49 Exemplare der männlichen Porträtbüsten mit den aggressiv entgleisten Gesichtszügen haben sich bis heute erhalten.

Tony Cragg, gut 200 Jahre nach Messerschmidt ebenfalls Bildhauer, hat einige davon ausgewählt, um sie seinen "Köpfen" im Belvedere gegenüberzustellen.

Der "Hintersinn" der Messerschmidtschen Charakterköpfe ist bis heute nicht vollständig geklärt, immer wieder aber wurden sie mit jenem Krankheitsbild in Verbindung gebracht, dessen auffällige Gemütsveränderungen schon Messerschmidts Wiener Professur verhindert haben, für das aber kein Befund aus Lebzeiten vorliegt. Offensichtlich jedenfalls ist, dass der karikaturenhafte Charakter des Ensembles bloß einer oberflächlichen Betrachtung standhält. Das Mienenspiel um die stets toten Augen, die bizarre Verformung der Münder, das in höchster Spannung erstarrte, krass definierte Muskelspiel, das flockig-fette Doppelkinn, sie scheinen eher die Folgen einer inneren Gewalt denn äußerer Einflüsse zu sein – vielleicht der latenten Gewalttätigkeit des Seins an sich. Jedenfalls aber Ergebnis von Muskelkontraktionen, die in Sekundenbruchteilen die Mimik entgleisen lassen.

Bewegungsphasen

Für Tony Cragg sind Gesichter hochsensible dynamische Instrumente, Rezeptoren, die Vorgänge im Inneren der Form Kopf an der Oberfläche spiegeln, für Dritte anschaulich, idealerweise auch verständlich machen. Seine Modelle versuchen die Beweglichkeit der Oberfläche, deren Potenzial, eine Unzahl von Grimassen zu schneiden, von Ausdrücken annehmen zu können, in einem Werkstück festzuhalten.

Marcel Duchamp hielt zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts einen Akt eine Treppe hinabsteigend in verschiedensten Bewegungsphasen auf einem Bild fest. Cragg zeigt parallel mehrere Zustände ein- und derselben Oberfläche Gesicht, der Gang um die Skulptur zeigt sich als Blättern im Fotoalbum – Craggs Köpfe treten in Family Groups auf. Ob es jetzt Messerschmidts Studien sind, deren explosives Innenleben bei ihm nach außen gekehrt erscheint, deren Sprengkraft in zeitgerafften, gegeneinander verschobenen und verdrehten Schichten festgehalten wird, ist letztlich einerlei. Man könnte Craggs Köpfe ebenso schlüssig neben antike Porträtbüsten oder Medardo Rossos wächserne Abbilder flüchtiger Momente stellen.

"Du betrachtest die Arbeit und siehst ein Gesicht, und das Sehen führt den Blick in das Material hinein, und dann schaust du auf die anderen Formen. Und in dem Moment, in dem du wieder in die Formen gehst, weg vom Umriss und in die Oberfläche des Werks, trittst du aus der normalen axialen Ansicht der Arbeit heraus und fängst an, außergewöhnliche Erfahrungen skulpturaler Form zu machen." (Markus Mittringer, DER STANDARD/Printausgabe, 29.01.2008)

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29. Jänner bis 25. Mai, täglich 10-18 Uhr, Mittwoch 10-21 Uhr
Orangerie Unteres Belvedere

Link
http://www.belverdere.at
  • Treffen der Generationen im Belvedere: Franz Xaver Messerschmidt (li.) versus Tony Cragg (re.).
    foto: belvedere

    Treffen der Generationen im Belvedere: Franz Xaver Messerschmidt (li.) versus Tony Cragg (re.).

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