"Kein Grund zur Panik"

29. Jänner 2008, 11:14
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Ihre Opfer waren Baudelaire oder Gauguin und glaubt man aktuellen Zahlen, kehrt die Syphilis in schnellen Schritten zurück - Ein Expertengespräch zur derzeitigen Situation

derStandard.at: Die Syphilis Fälle haben sich laut Presseaussendung in Deutschland fast verdreifacht. Ist das ein Grund zur Sorge?

Geusau: Man kann hier nicht davon sprechen dass hier die Syphilis um sich greift; das ist bei einer Gesamtzahl von 400 Meldungen im Jahr für Österreich ganz sicher überzogen und es besteht kein Grund zur Panik. Man kann aber sagen, dass man als Arzt wieder daran denken muss und gegebenenfalls im Verdachtsfall eine entsprechende Diagnostik durchführen sollte.

derStandard.at: Gibt es vergleichbar Zahlen. Wie viele Fälle waren es in den 1990ern wie viele sind es heute ?

Geusau: In Österreich hatten wir einen Anstieg der gemeldeten Fälle im Jahr 2002 um mehr als das Doppelte - verglichen mit 1999. Danach kam es wieder zu einem Rückgang der gemeldeten Fälle.

2006 war nach Angaben des Gesundheitsamtes Wien neuerlich ein Anstieg verglichen zu 2005 zu sehen. Das entspricht etwa den 400 Fällen für ganz Österreich. Diese Zahl dürfte auch für 2007 für zu erwarten sein. Die endgültigen Statistiken für das letzte Jahr sind jetzt im Jänner 2008 noch nicht vorliegend.

derStandard.at: Die meisten Syphilis-Patienten, so eine Aussendung, wären Männer. Als Grund dafür sieht man sexuelle Praktiken wie Anal-/Oral-Verkehr bei Homosexuellen, stimmt das?

Geusau: Es sind nicht hauptsächlich Männer, sondern schon immer finden sich mehr Männer als Frauen unter den jährlich evaluierten Neuinfizierten. Man kann aber daraus keine Rückschlüsse ziehen, mit welchem Praktiken es zu tun hat, man weiß natürlich aus dem Meldesystem nicht, ob es sich um hetero- oder homosexuelle Männer handelt.

derStandard.at: Welche Übertragungsarten gibt es?

Geusau: Die Infektion erfolgt über direkten Haut- und oder Schleimhautkontakt. Auch über die Mundschleimhaut, über eine infektiöse Läsion, meist beim Geschlechtsverkehr.

Außerdem kann die Infektion von der Mutter auf das ungeborene Kind übertragen werden, abhängig vom Stadium der Krankheit bei der Mutter. Eine Infektion über Gegenstände ist nicht möglich.

derStandard.at: Bieten Kondome ausreichend Schutz?

Geusau: Geschlechtsverkehr mit einem Kondom schützt, aber leider nur bedingt, da zum Beispiel alle Haut- und Schleimhautläsionen im erregerreichen Frühstadium infektiös sind, somit auch ein intensiver Kuss zum Beispiel zur Infektion führen kann.

Syphilis ist eine weltweit verbreitete, chronisch verlaufende Geschlechtskrankheit, die zwar erfolgreich mit Penicillin behandelt werden kann, allerdings zu keiner Immunität führt. Das heißt eine Reinfektion nach einer Behandlung ist möglich.

derStandard.at: Ist die Erkrankung vom Dermatologen sofort eindeutig erkennbar?

Geusau: Bei 15 bis 30 Prozent der Infizierten verläuft die Infektion im Primärstadium asymptomatisch oder unbemerkt. Das Sekundärstadium verläuft bei bis zu 60 Prozent der Patienten asymptomatisch oder so diskret, dass es unbemerkt bleibt. Im Latenzstadium in der Spätphase der Syphilis lässt sich eine Infektion nur durch eine Blutuntersuchung, also durch den Nachweis von so genannten Antikörpern beweisen.

derStandard.at: Wie sieht der Krankheitsverlauf aus?

Geusau: Die Einteilung in Stadien ist aus epidemiologischer Sicht sowohl für das Therapiekonzept als auch für die Infektiosität von größter Bedeutung. Abhängig von der Dauer der Infektion und dem klinischen Bild unterscheidet man verschiedene Stadien.

Im ersten Stadium kommt es zu einem relativ schmerzlosen Geschwür an der Eintrittsstelle des Bakteriums, meist im Genitalbereich. Dieses kann auch unentdeckt bleiben und heilt auch ohne Behandlung ab.

derStandard.at: Heißt das, dass damit die Erkrankung unbemerkt bleiben kann?

Geusau: Ja das ist möglich. Nach einem beschwerdefreien Intervall von einigen Wochen bis Monaten können sich im so genannten Sekundärstadium vielfältige Symptome zeigen: Hautausschläge, offene Stellen und Wucherungen an der Mund- und Genitalschleimhaut. Es kann auch zu einer Schwellung der Lymphknoten, Tonsillitis (Mandelentzündung), zu Haarausfall und grippe-ähnlichen Symptomen oder auch zu neurologischen Ausfällen kommen.

Die Symptomatik in diesem Stadium ist vielfältig, so dass nicht umsonst die Syphilis als der große "Imitator" bezeichnet wird und verständlicherweise auch als solcher nicht erkannt wird.

derStandard.at: Ist man in dieser Zeit infektiös?

Geusau: Der Patient ist besonders in der Frühphase, also im Primär- und Sekundärstadium infektiös und eine Gefahr für seinen Partner; nach diesen Phasen nimmt die Infektiosität stark ab und der Patient ist in der Spätsysphilis praktisch nicht mehr infektiös.

derStandard.at: Welche Symptomatik tritt in der dritten Phase auf?

Geusau: In der Phase der Spätsysphilis lässt sich eine Infektion nur durch eine Blutuntersuchung, also durch den Nachweis von so genannten Antikörpern beweisen. Wenn keine Behandlung erfolgt, kann die Syphilis nach jahrelanger Beschwerdefreiheit bei einem Drittel der Patienten in das Tertiärstadium übergehen, in dem auch innere Organe wie das Herz oder das Nervensystem betroffen sein können.

derStandard.at: Im 19. Jahrundert sind viele bekannte Persönlichkeiten an den Folgen der Syphilis gestorben. Gibt es nach wie vor Todesfälle?

Geusau: Die berichteten Todesfälle stammen aus der vor-antibiotischen Ära. Es handelt sich um eine gut mit Penicillin behandelbare Erkrankung. Rechtzeitig behandelt können spätere Manifestationen und Komplikationen verhindert werden.

derStandard.at: Ist die Entwicklung der Syphilis Erkrankungen eine weltweite/europaweite oder vor allem urbane Problematik?

Geusau: Weltweit konnte mit der Entdeckung des Penicillins die Syphilis beherrscht werden, die gemeldeten Fälle nahmen zu Beginn der 1990-ziger Jahre stark ab und im Jahr 1999 entschloss sich die CDC ein Syphilis-Erradikationsprogramm zu starten. Für eine Erradikation(Anm: Strategie zur Dekolonisation) gibt es theoretisch sehr gute Vorraussetzungen: Treponema pallidum (Anm: Bakterium, das Syphilis verursacht) ist exklusiv humanpathogen, es gibt kein Tierreservoir und bis heute ist kein einziger Fall von Penicillinresistenz bekannt.

Von einer Erradikation ist man allerdings noch entfernt: die WHO schätzt, dass es jährlich weltweit zu 12 Millionen Neuinfektionen kommt, in erster Linie sind natürlich Entwicklungsländer betroffen. Allerdings zeichnet sich in den Industrieländern, Europa und USA eine Zunahme der Neuinfektionen, insbesondere in bestimmten Populationen und in Ballungszentren ab.

derStandard.at: Gibt es diese Tendenzen in den Ballungszentren auch bei uns?

Geusau: In Österreich sind die aus Wien gemeldeten Zahlen deutlich über jenen aus den Bundesländern. Vermutlich auch weil Wien Einzugsgebiet aus anderen Teilen Österreichs ist.

derStandard.at: In Österreich hört man kaum von der Gefahr an Syphilis zu erkranken. Liegt das daran, dass es sich noch immer um eine seltene Krankheit handelt oder fehlt die Aufklärung?

Geusau: Wie schon gesagt: 400 Fälle im Jahr sind einfach kein Grund zur Panik. Wesentlich ist aber, dass Risikoverhalten zu einer Syphilis Infektion führt und über dasselbe Verhalten auch eine HIV Infektion erworben wird. Deshalb ist es sicherlich wichtig entsprechende Aufklärung zu betreiben. (nia, derStandard.at)

  • Zur Person
Alexandra Geusau ist seit 10 Jahren an der Universitätsklinik für Dermatologie für die Abteilung Immundermatologie und Infektiöse Hautkrankheiten als Oberärztin zuständig.
    foto: privat

    Zur Person
    Alexandra Geusau ist seit 10 Jahren an der Universitätsklinik für Dermatologie für die Abteilung Immundermatologie und Infektiöse Hautkrankheiten als Oberärztin zuständig.

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