Vision für Wiens Angewandte Forschung

29. Jänner 2008, 19:45
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Novartis' Weggang hinterlässt ein Loch in Wiens Pharmaszene, die Erhaltung des Know- Hows wäre eine einmalige Chance für Wissens-und-Technologietransfer - Von Inge Schuster

Im Rahmen der "Initiative Forward" zur Steigerung von Effizienz und Produktivität der Organisation hat der Pharma-Multi Novartis entschieden sein Forschungsinstitut in Wien-Liesing zu schließen. Vor vierzig Jahren als zweiter Forschungsstandort außerhalb der Schweiz vom Novartis-Vorläufer Sandoz gegründet, war das Wiener Sandoz Forschungsinstitut (SFI, später NIBR) Ausdruck der beginnenden Internationalisierung des Konzerns. Die Entscheidung in Wien zu bauen war dabei maßgeblich durch zwei Faktoren bestimmt: der raschen Verfügbarkeit bestausgebildeten akademischen und technischen Personals und der Bereitstellung eines riesigen, rund 15 Hektar großen Areals durch die öffentliche Hand. Hier errichtete Sandoz einen großzügigen, eleganten und auch heutigen Arbeitsstandards entsprechenden Gebäudekomplex, der in der ersten Ausbauphase etwa 400 – 500 Mitarbeitern Platz bieten sollte, dessen Kapazität man aber durch spätere Anbauten zu verdoppeln plante. Ursprünglich gewidmet der Suche nach Therapeutika gegen Infektionskrankheiten, bot das neue Institut neben einer hervorragenden Ausstattung auch vielen Absolventen österreichischer Hochschulen und technischer Lehrgänge die Möglichkeit im Lande zu bleiben und auf (für viele ungewohnt) hohem Niveau Grundlagenforschung ebenso wie angewandte Forschung betreiben zu können.

Von Anfang an war die Position des SFI, vor allem in Teilen des Schweizer Mutterhauses, nicht unumstritten und auch von Konkurrenzdenken und Eifersüchteleien auf das scheinbar "süße Leben" in Wien getragen. Die an Wien gestellten Anforderungen waren sehr hoch, vielfach aber zu kurzlebig um reale Durchbrüche erzielen zu können. In der Folge hat das SFI Umorientierungen der Forschungsgebiete, Umstrukturierungen der Organisation und Redimensionierungen der Mannschaft gut überstanden und dem Konzern zu einigen innovativen, erfolgreichen Medikamenten verholfen, die neue therapeutische Standards wurden. Vor allem mit den dermatologischen Präparaten Exoderil, (dem Blockbuster) Lamisil und Elidel hat sich die Investition in das SFI zweifellos gelohnt und signifikant zu Erfolg und Reputation des Konzerns beigetragen.

Was nach der Schließung bleibt

Wenn das Forschungsinstitut nun seine derzeitigen Aktivitäten einstellen muss, so bleibt ein Cluster an hervorragenden Wissenschaftern und Technikern über, die erfolgreich und auf höchstem und modernstem Niveau Pharma Forschung betrieben haben und Experten in so wichtigen, weitreichenden Gebieten sind wie: Chemische Synthese, Analytik, Medizinsche Chemie, Biologie, Pharmakologie & Toxikologie, Immunologie, Dermatologie u.v.a.m. Zweifellos wird über kurz oder lang eine Diaspora der Wissensträger einsetzen und der Cluster aus Erfahrung, technischer Expertise und Wissen verloren gehen. (Ungeachtet ihrer Erfahrung und Fähigkeiten werden allerdings ältere Mitarbeiter größte Schwierigkeiten haben adäquate Arbeitsplätze zu finden.) Es ist sicherlich nicht übertrieben festzustellen, daß die Erhaltung des noch bestehenden Know-Hows an dem hervorragend ausgestatteten Standort eine einmalige Chance für Wissens-und-Technologietransfer bietet und neue Wege sowohl in der Ausbildung junger Wissenschafter in (jetzt noch nicht adäquat behandelten) Gebieten des Sektors „Pharma Forschung und Entwicklung“, als auch im Support für aufstrebende Unternehmungen im Gesundheitssektor eröffnen kann. Eine hervorragende Möglichkeit des Wissens-und Technologietransfers könnte auf der Basis neuer Fachhochschul (FH)-Studiengänge im Bereich "Pharma Forschung und Entwicklung" am Areal des SFI erfolgen. Dies wäre im Sinne des vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie finanzierten Impulsprogramms FHplus, das zum Ziel hat:"..die Zahl der Akteure im österreichischen Fachhochschulsektor zu erhöhen, die auf der Grundlage geeigneter interner Strukturen, Kompetenzen und Kapazitäten in der Lage sind, längerfristige anwendungs-bezogene Forschung und experimentelle Entwicklung zu betreiben" (Zwischenevaluierung FHplus, 2006
). Pharma-relevante FH-Lehrgänge werden in Österreich – mit Ausnahme von Biotechnologie - noch nicht angeboten und sind auch in der EU erst im Aufbau begriffen. In Deutschland gibt es einen einzigen Studiengang Pharmazeutische Chemie (FH Isny, Baden-Württemberg) und einige Studiengänge in Pharmatechnik (FH’s Sigmaringen, Anhalt/Sachsen, Berlin). Dagegen haben mehrere FH’s Englands (Polytechnic Universities; z.B. FH Winchester, Anglia Ruskin University, Manchester Met University) eine Auswahl interessanter Lehrgänge neu im Programm (Biomedical Sciences, Chemical and Pharmaceutical Science, Pharmaceutical Chemistry, Physiology and Pharmacology, Human and Medical Science und Forensic Science).

Keine Konkurrenz zur Uni

Pharma-relevante FH-Lehrgänge (mit Bakkalaureat- und- Master Abschlüssen) sind nicht als Konkurrenz zu den an Universitäten angebotenen Studien zu sehen, die ja andere Schwerpunkte haben und Absolventen ein durchaus unterschiedliches Berufsbild eröffnen. Absolventen der stark Anwendungs-orientierten FH-Ausbildung würden vor allem in Laboratorien und Produktionsstätten der pharmazeutischen (chemischen) Industrie arbeiten, in diagnostischen Labors und anderen Forschungsstätten. Ein nicht zu unterschätzender Nutzen entstünde auch für die am Areal des Forschungsinstitutes eingemieteten Start-up Unternehmen, die von zu absolvierenden Berufspraktika und Diplomarbeiten der Studenten profitieren könnten.

Pharma-relevante FH-Lehrgänge könnten das Portfolio des FH-Campus Wien ergänzend als Vollzeitstudium und berufsbegleitend angeboten werden. Ein Beginn mit z.B. zwei Lehrgängen á 40 Studenten würde nach drei Jahren bereits Unterricht für 240 Studenten bedeuten und damit Arbeitsplätze für zahlreiche Lektoren und - auf Grund der stark experimentellen Ausrichtung des Studiums - für Techniker bieten. Ein derartiges Vorhaben besitzt zweifellos die Voraussetzung für eine Förderung im Rahmen des FHplus Strukturaufbauprogramms, der laufende Betrieb wäre aus den Zuschüssen des Bundes und den Studiengebühren zu bestreiten.

Loch schließen

Der Weggang von Novartis hinterlässt ein Loch in der Pharmaszene Wiens und ist für viele Mitarbeiter folgenschwer. Der Reputation des Konzerns ist es sicherlich nicht abträglich neuen Möglichkeiten zur Nutzung des Areals nicht entgegenzustehen. Der skizzierte Plan neuer Ausbildungsmöglichkeiten am Campus sollte dessen Attraktivität zunehmend steigern um auch weitere einschlägige kleine Unternehmen dort anzusiedeln und damit einen deutlichen Impuls – quasi eine Initiative Vorwärts - für Wiens Angewandte Forschung zu setzen!

Inge Schuster ist dem Institut durch ihre jahrzehntelange Tätigkeit dort verbunden - beginnend mit dem 1.1.1970 leitete sie ein biochemisch-orientiertes Forschungslabor, das sich mit dem Aufbau von human-relevanten Modellen zu Metabolismus und Resorption von Pharmaka beschäftigte ebenso wie mit der Target-orientierten Suche nach neuen Wirkstoffen. Seit 1999 ist sie in Pension und kooperiert seitdem wissenschaftlich mit mehreren Gruppen im Ausland und ist als freie Mitarbeiterin am Department für Pharmazeutische Chemie der Universität Wien tätig. Seit 2005 ist sie Lektorin an der FH, einem berufsbegleitenden Studiengang Bioengineering.
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    foto: privat
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