"Keine Angst mehr haben"

28. Jänner 2008, 09:25
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Was können Spitäler für das Wohl kranker Kinder alles tun? Experten diskutieren darüber, wie Traumata durch Krankenhausaufenthalte vermieden werden können

Wenn Kinder krank sind und ins Spital müssen, ist das für jede Familie eine schwierige Situation. Über typische Verhaltensmuster, Langzeitbehandlungen und Operations- vorbereitung sprach Karin Pollack mit der Entwicklungspsychologin Brigitte Rollett, dem Psychotherapeuten des St. Anna Kinderspitals, Reinhard Topf, und dem Anästhesisten und Intensivmediziner Michael Zimpfer.

STANDARD: Sie sagten unlängst in einem Vortrag, ein Spitalsaufenthalt sei für jedes Kind ein traumatisches Erlebnis. Was genau heißt das?

Rollett: Ein Spitalsaufenthalt ist ein sehr belastendes Erlebnis. Kindern, die aus einer vertrauten Umgebung ins Krankenhaus müssen, geht es ja nicht gut. Alles rund um sie ist neu, und Menschen, die sie nicht kennen, hantieren an ihnen herum. Mitunter ist das nicht angenehm. Das ist in jedem Fall eine sensible Situation. Je kleiner die Kinder sind, umso schwieriger ist es. STANDARD: Es hängt aber doch auch vom jeweiligen Charakter eines Kindes ab?

Rollett: Natürlich, zudem vom Entwicklungsstand und dann noch von der Eltern-Kind-Beziehung. Rund um das erste Lebensjahr gibt es eine intensive Trennungsangst des Säuglings von der Mutter, ein Krankenhausaufenthalt ist in dieser Phase sehr schwierig, vor allem die Sensibilität der Ärzte und des Pflegepersonals ist stark gefordert.

Grundsätzlich unterscheidet man drei Temperamentstypen von Kleinkindern: "Die Pflegeleichten" haben großen emotionelle Ressourcen und lassen sich leichter lenken. Die "Langsam Auftauenden" brauchen viel Zeit, sich an die Situation im Krankenhaus zu gewöhnen. Und dann gibt es die Schwierigen, die sogenannten Schreibabys, die es am schwersten haben und besonders viel Zuwendung brauchen.

Abgesehen davon ist die Art der Eltern-Kind-Beziehung entscheidend. Je sicherer sie ist, umso leichter fällt es Kindern, die Extremsituation zu meistern, allerdings nur, wenn die Eltern entsprechend einbezogen werden.

Topf: Genau diese systematische Analyse war für viele Neuerungen in der Kinderheilkunde in den letzten Jahrzehnten entscheidend. Wir dürfen ja nicht vergessen: Vor 30 Jahren noch durften die Eltern außerhalb der Besuchszeiten nicht bei ihren kranken Kindern sein.

Die Arbeiten von zahlreichen Psychologen und Pädiatern wie etwa René Spitz, Emma Plank oder Anna Freud und vielen anderen Kollegen über die Folgen von Hospitalisierung haben überhaupt erst ein Bewusstsein geschaffen. Insofern hat durch die Öffnung der Kinderabteilungen in Krankenhäusern eine wirkliche Revolution stattgefunden.

Zimpfer: Eines der traumatischsten Erlebnisse hatte ich persönlich im St. Anna Kinderspital als Volksschulkind. Ich musste zur Mandeloperation und saß mit meiner Mutter in einer Schlange vor dem Behandlungsraum.

Ein Kind wurde aufgerufen, ging rein. Sekunden später war ein gellender Schrei zu hören, dann wurde das Kind auf dem Arm der Mutter ganz fertig und blass wieder rausgetragen. Ich bin damals weggelaufen, man musste mich mit Gewalt zurückbringen.

Da hat die Medizin also schon gewaltige Fortschritte gemacht. Wir können heute so operieren, dass unsere Patienten keine Schmerzen haben.

Topf: Mandeloperationen sind im Kindesalter sehr häufig, aus ärztlicher Sicht aber ein Routineeingriff. Gerade deshalb wurde lange Zeit übersehen, wie traumatisch das für ein Kind sein kann. Wir wissen heute, dass man die Angst reduzieren kann, ganz ausschalten kann man sie aber nicht.

Rollett: Wenn Schmerzen unvermeidbar sind, hängt es von der Qualität der Vorbereitung ab. Optimismus und Zuversicht sind ganz wichtig. Sätze wie: "Es tut weh, aber es wird helfen" oder "Du schaffst das" tun sehr gut.

STANDARD: Wie werden Kinder auf Operationen vorbereitet?

Zimpfer: Ein persönliches Gespräch mit dem Kind und seinen Eltern spielt eine zentrale Rolle. Mit der Aktion "Operation Eddy" der Österreichischen Gesellschaft für die kindgerechte Operationsvorbereitung und Nachsorge versuchen wir das auch umzusetzen, beispielsweise wurde eine Broschüre für Kind und Eltern entwickelt. Aber es sind auch andere wichtige Momente: einerseits die Ausstattung im Krankenhaus - vieles ist auch auf Kinderkliniken und -stationen total bedrückend. Rollett: Da gebe ich Ihnen recht, es wäre wichtig, die Stationen kinderfreundlicher zu gestalten.

Zimpfer: Es gibt schon Kernspintomografen, die für Kinder eine Art Disney World spielen. Doch ganz wichtig ist mir auch die Nachsorge im Spital. Ein Kind muss nach einer Operation heute nicht mehr unbedingt Schmerzen haben.

Mit den entsprechenden Verfahren lassen sich heute Körperteile vorübergehend schmerzunempfindlich machen und lahmlegen. Damit kann man Kindern auch in der Phase nach der Operation viel Leid ersparen. Aber natürlich braucht man entsprechende Geräte dafür. Die hat nicht jedes Krankenhaus.

Rollett: Alle Maßnahmen in diese Richtung reduzieren Stress. Wir Psychologen sehen ja immer nur diejenigen Menschen, bei denen die Dinge schiefgelaufen sind. Wenn Kinder im Krankenhaus den Eindruck haben, verletzt worden zu sein, kann sich daraus eine posttraumatische Störung entwickeln, die einen bis ins Erwachsenenalter in Form von Angstschüben immer wieder einholen.

Zimpfer: Schön wäre, wenn Kinder in 20 Jahren einmal sagen könnten: Ich war im Krankenhaus, und es war gar nicht schlimm.

STANDARD: Im St. Anna Kinderspital werden krebskranke Kinder behandelt. Die Therapie dauert Monate. Wie bereitet man Kinder darauf vor?

Topf: Wir haben ein Konzept entwickelt, das Kinder, ihre Eltern und die gesamte Familie während der ganzen Erkrankung psychologisch begleitet. Von ganz entscheidender Bedeutung ist die medizinische Aufklärung, und zwar ab der Diagnose über die gesamte Behandlungszeit.

Wir haben Aufklärungsmaterial wie das medizinische Kinderbuch "Hannah, du schaffst es" und anschauliche Therapiepläne entwickelt, die Kinder dabei unterstützen. Das Verstehen einer Krankheit ist immer ein Prozess, der viele Wiederholungen braucht. Wir Psychologen begleiten, bilden eine Art Schnittstelle auch für Ärzte und Pflegepersonal.

STANDARD: Müssen oft nicht auch die Eltern betreut werden?

Rollett: Natürlich, denn wir haben in Studien herausgefunden, dass Eltern und Kinder ganz unterschiedliche Ängste haben. Während sich krebskranke Kinder beispielsweise in erster Linie vor Schmerzen fürchten, finden die Eltern es am meisten belastend, dass die Kinder ihre Haare verlieren.

Zimpfer: Eine psychologische Begleitung ist in einer akuten Notsituation natürlich viel schwieriger, weil sich in der Intensivsituation der Zustand eines Patienten von einem Moment auf den anderen verändern kann. Da gibt es wenig Zeitpolster, und Ärzte sagen betroffenen Eltern sehr unmittelbar, was Sache ist. Doch im Grunde genommen ist es eine Krisensituation, die natürlich einer psychologischen Betreuung bedürfte. Es ist eine Sache der Man-Power.

Topf: In Krisensituationen werden im herkömmlichen Spitalbetrieb ja oft Psychiater zu Rate gezogen, weil man davon ausgeht, dass ein Mensch in Not so etwas wie eine Attacke erlebt.

Unser Ansatz ist anders. Am St. Anna Kinderspital wurde auf Betreiben von Primar Helmut Gadner mit dem Psychologenteam eine Art Parallelstruktur zur medizinischen Betreuung aufgebaut, die kontinuierlich begleitet und nicht erst in der Krisensituation eingesetzt wird.

Unser Team arbeitet auf unterschiedlichen Ebenen: mit den Patienten und Eltern, aber auch mit Ärzten, Pflege- und Betreuungspersonal. Daraus ergibt sich ein Teamgedanke: Alle gemeinsam arbeiten am Gesundungsprozess.

Zimpfer: Das würde ich mir wünschen, denn als Mediziner ist man ja immer mit Krisensituationen konfrontiert. Sogar Fluggesellschaften unterrichten ihre Mitarbeiter in Krisenmanagement, in vielen Krankenhäusern fehlen solche Maßnahmen weitgehend.

Topf: Dabei geht es vor allem um Kontinuität, denn auch das Personal braucht Unterstützung. Im St. Anna Kinderspital sind psychosoziale Sitzungen einmal pro Woche etabliert. Dort werden Patienten besprochen und Aufgaben verteilt. Das erleichtert dem Personal den Arbeitsalltag, schafft Freiraum für die Kerntätigkeiten.

Deshalb werden diese interdisziplinären Sitzungen von allen auch wirklich wahrgenommen. Es gibt Studien, die belegen, dass der Einsatz von Psychologen, die Burn-out-Rate beim Personal verringern hilft. Auch das betrachtet das psychosoziale Team als seine Aufgabe.

STANDARD: Welche Wahrheiten kann man Kindern zumuten?

Topf: 70 bis 80 Prozent aller Kinder überleben dank medizinischem Fortschritt heute eine Krebserkrankung. Durch kontinuierliche Aufklärung ab Diagnose ergibt sich im Dialog auch eine Art Subtext, und zwar, dass der Tod zwar möglich ist, aber eben selten vorkommt und nicht schnell eintritt.

Leukämie wird oft über Jahre behandelt, bevor man erkennen muss, dass der Krebs stärker als die Therapie ist. In dieser Zeit haben sich auch die Kinder verändert, die meisten suchen ja das Gespräch.

Wenn sich aus Wissbegier dann ein Prozess entwickelt, dann wird auch das Sterben in einer anderen Situation wahrgenommen. Reden ist wichtig, denn es vermittelt Struktur und Sicherheit. Das begreifen auch schon Kinder, die zwei oder drei Jahre sind.

Rollett: Im Zusammenhang mit dem Tod spielen natürlich auch religiöse Vorstellungen immer eine wichtige und oft tröstliche Rolle, da es ein Weiterleben nach dem Tod und ein Wiedersehen mit geliebten Menschen gibt. Es ist wichtig, die persönliche Überzeugung der Eltern zu respektieren.

STANDARD: Und wenn diese religiösen Vorstellungen in einer Familie fehlen?

Rollett: Ein tröstlicher Gedanke ist die Vorstellung vom Tod als einem schmerzfreien, traumlosen Schlaf, wobei aber ganz klargemacht werden muss, dass der normale Schlaf nichts mit dem Tod zu tun hat. Das eigentliche Problem ist, dass wir ja alle Angst vorm Sterben haben. Ganz allgemein sollte man Kindern die Hoffnung auf eine Besserung der Krankheit keinesfalls zerstören, man sollte aber auch die Angst vor dem Tod bearbeiten. Vielleicht kann ich dazu eine Geschichte erzählen.

Ich habe ein sehr krankes, verängstigtes Kind einmal gefragt: "Wenn du Angst vor dem Sterben hast, bist du dann tot oder lebendig?" Die Antwort: "Lebendig". Wir kamen dann überein, dass die Angst vor dem Sterben ein Zeichen ist, dass man lebendig ist und daher das Kind auch keine Angst zu haben braucht.

Auf der anderen Seite war uns dann aber auch klar, dass Menschen, die gestorben sind, ganz sicher keine Angst mehr haben. Für das Kind war das Gespräch entlastend. (Karin Pollack;STANDARD;Printausgabe;28.01.2008)

Zur Person

Reinhard Topf ist Psychologe und Psychotherapeut vom St. Anna Kinderspital und dortiger Leiter des psychosozialen Betreuungsteams, das Patienten, vor allem krebskranke Kinder, während des gesamten Gesundungsprozesses betreut.

Brigitte Rollett, Entwicklungspsychologin an der Universität Wien, hat Pionierarbeit geleistet und unter anderem das Zentrum für kinder-, jugend- und familienpsychologische Intervention gegründet.

Michael Zimpfer ist Ordinarius an der Uniklinik für Anästhesie, Allgemeine Intensivmedizin und Schmerztherapie am AKH und Präsident des Rudolfiner-Vereins Rotes Kreuz.

  • Reinhard Topf: "Von ganz entscheidender Bedeutung ist die medizinische Aufklärung, und zwar ab der Diagnose über die ganze Behandlungszeit."
    foto: standard/matthias cremer

    Reinhard Topf: "Von ganz entscheidender Bedeutung ist die medizinische Aufklärung, und zwar ab der Diagnose über die ganze Behandlungszeit."

  • Brigitte Rollett: "Wenn Kinder im Krankenhaus den Eindruck haben, verletzt zu werden, kann sich daraus eine post-traumatische Störung entwickeln."
    foto: standard/matthias cremer

    Brigitte Rollett: "Wenn Kinder im Krankenhaus den Eindruck haben, verletzt zu werden, kann sich daraus eine post-traumatische Störung entwickeln."

  • Michael Zimpfer: "Schön wäre, wenn Kinder in 20 Jahren einmal sagen könnten: Ja, ich war im Krankenhaus, und es war gar nicht schlimm."
    foto: standard/matthias cremer

    Michael Zimpfer: "Schön wäre, wenn Kinder in 20 Jahren einmal sagen könnten: Ja, ich war im Krankenhaus, und es war gar nicht schlimm."

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