Welthits aus dem Mistkübel

3. Februar 2008, 19:45
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Der wegen seiner Drogensucht bekannte Rock-'n'-Roll-Rüpel Pete Doherty absolvierte schließlich gemeinsam mit den Babyshambles sein erstes reguläres Österreich-Konzert

Ein großer Abend!

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Graz - Kurz musste man eine Viertelstunde vor dem Konzert noch zweifeln, ob das denn etwas werden würde. Immerhin war Pete Doherty dieses Mal zwar tatsächlich gemeinsam mit seiner Band Babyshambles am Grazer Flughafen gelandet und hatte mit klingendem Spiel und diversen Fußtritten für die Paparazzi Einzug in die Stadt gehalten. Nach mehreren missglückten Anläufen und wirren Soloauftritten des vor der Regentschaft von Amy Winehouse bekanntesten Drogenfressers der Welt sollte einem regulären ersten Österreich-Konzert also zumindest von der physischen Präsenz her nichts im Wege stehen.

Allerdings wirkte Doherty im Foyer des seit Wochen ausverkauften Orpheums im Gespräch mit seinen lustige Hüte und nach einstiger Fasson von Dohertys erster Band The Libertines teilweise sogar General-Guglhupf-Paradeuniform tragenden Verehrern zwar reizend hilfsbedürftig - und also zum Knuddeln. Streng nach Klischee wirkte er aber auch erheblich angeschlagen. Gegen steirische Braukunst ist im Gegensatz zur britischen Unterhaltungschemie leider keine ordentliche Strafverfolgung zu machen.

Ein bisschen frische Luft, ein paar homöopathische Push-ups und manch gutes und tröstendes Wort vom Manager im Backstage-Bereich später wurde es dann aber nichts mit dem von doch vielen angereisten Konzertbesuchern insgeheim erwarteten Skandal.

Der 28-jährige Brite spielte ein reguläres, relativ nüchternes, mitreißendes, also stinkfades Konzert! Dabei haben sich doch alle so sehr bemüht. Speziell während der letzten zwei Jahre baute man den Mann mit seiner öffentlich zelebrierten Heroin- und Cracksucht und einer mit großer Grandezza auf dem Boulevard abgestaubten Weltmeisterschaft in sozialer Verwahrlosung - unter besonderer Berücksichtigung von schuldlos mit in die Gosse gezogenen Supermodels - zum würdigen Nachfolger des diesbezüglich in Frühpension gegangenen Keith Richards auf.

Blöderweise scheint allerdings derzeit eine möglicherweise immer zu Unrecht schief angesehene Entzugstherapie zu greifen. So wie einst beim nicht minder uneinsichtigen Richards. Der Patient wird bei dieser Methode sozusagen mit einem von der Gesellschaft mit einem Augenzwinkern akzeptierten Vollsuff trockengelegt. Schon kann er wieder ganz normal arbeiten gehen!

Zum etwas abgespielten Walkürenritt von Richard Wagner torkelt das ehemalige Hedi-Slimane-Modell nun also im etwas gar leger wirkenden Adidas-Outfit auf die Bühne, schnallt sich selbst die Gitarre mit den Saiten richtig nach außen und nicht am Bauch liegend um, wodurch man auch gleich das Griffbrett des Instruments an gewohnter Stelle in der Luft links, wo der Daumen rechts ist, findet, und hackt sich durch die ersten beiden Songs des aktuellen Albums Shotter's Nation.

Die hübsch rumpelig und mit eingebauten Schikanen interessant nach den Kinks, aber auch The Clash klingenden, genialisch neben der Spur gefahrenen Rumpler Carry On Up The Morning und Delivery machen eines klar: Die Aura des Tragischen, Kaputten, Morbiden mag Doherty zwar, gut von Blitzlicht und Fernsehkameras ausgeleuchtet, reichlichst umgeben. Immerhin aber gibt sich der Mann in seinen mit Spucke gelallten Texten äußerst selbstironisch. Besonders hübsch Dohertys Katerfrühstück Carry On: "In the morning, where does all the pain go? The same place the fame goes: straight to your head!"

Dass die Babyshambles in alter bis ältester britischer Rocktradition dabei ihre Instrumente "sauber" spielen und live auf Effektgeräte komplett verzichten, bringt zwischen aller charmant der technischen Fingerfertigkeit gründlich misstrauenden Lockerheit an den Gitarren auch deutlich den eigentlichen Reiz von Dohertys großer Begabung zum Ausdruck. Der Mann schreibt potenzielle Welthits mit tollen Melodien, tritt sie aber in den Mistkübel. Lieber arbeitsscheu als arbeitslos!

Eine Verschwendung

Am Schluss dann nach einer Stunde Konzert, der mündlichen Beantwortung von Fanbriefen ("Tsss-wssss-neissmpfhhh!"), jeder Menge demonstrativ getrunkenen Apfelsafts und mit viel Herz verschwendeten Liedern wie The Blinding, Baddie's Boogie, You Talk, Down In Albion oder Killamangiro der erwartete Höhepunkt dieser uns alle wärmenden Feierstunde des Ungutseins: Fuck Forever! Der beste Punksong des noch jungen Jahrtausends in einer erhabenen, bitterbösen Version.

Der Skandal fand nicht statt. Aber wie sagte Herbert Achternbusch einmal so treffend: "Nichts ist besser als gar nichts." (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 28.01.2008)

  • Er kam, sah - und lallte sich durch ein beherzt hingeschludertes Konzert. Pete Doherty und die Babyshambles live im Grazer Orpheum. Ob es tags darauf in der Wiener Arena auch so gut geklappt hat - wir wissen es nicht.
    foto: utri

    Er kam, sah - und lallte sich durch ein beherzt hingeschludertes Konzert. Pete Doherty und die Babyshambles live im Grazer Orpheum. Ob es tags darauf in der Wiener Arena auch so gut geklappt hat - wir wissen es nicht.

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