Julia Kent: "Delay"

    22. Februar 2008, 13:24
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    Das Debüt-Album der kanadischen Cellistin ist eine kleine Weltreise zu den Rhythmen der großen menschlichen Emotionen

    Man muss kein Liebhaber von Streichinstrumenten sein, um diese Platte zu mögen. Auch wenn ein gewisses Interesse an den Klängen von Violoncelli nötig ist, um sich auf die rund 45-minütige Reise von Julia Kents Delay zu begeben. Bekannt ist die Kanadierin vor allem als Mitbegründerin von Rasputin und als die Cellistin bei der US-Band Antony and the Johnsons. Auch ist sie Teil von BELA, einer poetischen Singer/Songwriter-Band aus New York. Doch ihr Debut-Album klingt anders als das, was man von ihren vielen Kollaborationen kennt.

    Julia Kents Delay, im vergangenen Jahre beim Schweizer Label Shayo erschienen, präsentiert Stimmungsbilder von Flughäfen. Ihre Vertonungen konzentrieren sich dabei auf die Desorientierung und die Vergänglichkeit, die an diesen Orten herrschen und spiegeln die emotionalen Welten wider: die Freude des Wiedersehens, die Trauer der Trennung oder die Ungeduld des Wartens.

    Melancholie

    Kent arbeitet mit Wiederholungen - zyklischen Rhythmen und motivische Muster charakterisieren ihre Stücke. Die Gleichförmigkeit der Geschehnisse auf Flughäfen wie "Idlewind" in New York, "Gardermoon" in Oslo oder "Malpensa" in Mailand, findet sich durch das Grundmuster wieder: gemächlich gestrichene, sich immer wiederholende Melodien durchziehen das Album. Mal werden sie hektischer, dann wieder sanft und ruhig, dann fast bedrohlich. Die Melodie liegt an der Oberfläche, darunter kommen Klänge, meist in Form von Loops oder gezupften Cello-Saiten, zu Tage, die letztlich zu einem subtilen Ganzen verschmelzen.

    Was für die einen Kitsch bedeutet, ist für andere wiederum bezaubernd und wehmütig: Melancholie. Sie durchzieht das Album und wird zum Beispiel auf Fontanarossa oder Schipol durch den Einsatz eines Omnichords, einer elektronischen Harfe, verstärkt. Doch "Delay" ist kein rein düsterers, musikalisches Unterfangen. Durchaus aufheiternde und strahlende Momente sind darauf zu finden, besonders durch die vielen Stakkati und die gezupften Saiten, die sich wie ein roter Faden durch das Album ziehen.

    Stimmengewirr

    Zwischen den Musikstücken gibt es hin und wieder kurze, nur wenige Sekunden lang dauernde Momentaufnahmen von verschiedenen Flughäfen - ihre "found sounds", wie Kent die Feldaufnahmen nennt, bringen Durchsagen und Stimmengewirr der Menschen, die manchmal verzerrt oder mit Echo versehen sind.

    Auf "Delay" hat ein jeder Flughafen sein ganz besonderes Merkmal. Mit ihrem Debut-Album bildet Julia Kent eine ganz eigene Welt ab, in die man nicht nur wiederholt eintauchen kann, sondern die auch eine ganz eigene Reise ermöglicht. (cra)

    • Julia Kent: Delay (Shayo 2007)
      foto: shayo

      Julia Kent: Delay (Shayo 2007)

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