Die Kurden warten auf ihr Referendum

1. Februar 2008, 10:43
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Bis Ende 2007 hätte der Status der Ölstadt Kirkuk feststehen - Kurden geben Bagdad die Schuld an der Verschiebung des Referendums - eine Reportage

Bis Ende Dezember 2007 sollte laut irakischer Verfassung ein Referendum über die Zukunft der Ölstadt Kirkuk im Nordirak und anderer zwischen Kurden und Arabern umstrittener Gebiete stattfinden. Viele Kurden geben Bagdad die Schuld an der Verschiebung.

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Nassib Rozbajani will nicht mehr reden. „Da müssen Sie Bagdad fragen“, weist er jegliche Fragen nach der Situation in Kirkuk ab und legt den Hörer auf. Fast drei Jahre lang tat der 52-Jährige alles, um die von Saddam Hussein ab den 1970er-Jahren vertriebenen Kurden wieder zur Rückkehr in die reiche Ölstadt im Nordirak zu bewegen. Neue Viertel wurden für die Rückkehrer ausgewiesen. Die kurdische Regionalregierung gab 20.000 Dollar Starthilfe. Ein Jahr lang war Rozbajani Vizegouverneur von Kirkuk und hoffte, dadurch die Geschicke besser lenken zu können. Dann musste er seinen Stuhl für einen Turkmenen und einen Araber räumen. Die US-Administration in Bagdad wollte die Macht auch in _Kirkuk proportional verteilen. Jetzt sitzt der Kurde in seiner Gartenwohnung und wartet. Denn aus dem geplanten Referendum über die Zukunft der ölreichsten Stadt des Irak ist nichts geworden.

Eine rote 140

Die Plakate mit der roten 140 – nach dem Artikel in der irakischen Verfassung, der das Referendum festschreibt – und dem Aufruf „Wir müssen die Grenzen bestimmen“ sind noch vereinzelt in den kurdisch kontrollierten nördlichen und östlichen Vierteln der knapp eine Million Einwohner zählenden Stadt zu sehen, zerfleddert und übermalt. Bis Ende 2007 hätten laut irakischer Verfassung die Rückgängigmachung der Arabisierung unter Saddam Hussein, ein Zensus und das Referendum über die Bühne gehen sollen. Doch Premier Nuri al-Maliki bekam in Bagdad kalte Füße. Der Widerstand gegen neuerliche Umsiedlungen wuchs. Halbherzig legte seine Regierung erst im April ein Programm zur Entschädigung von arabischen Familien, die Kirkuk und die anderen umstrittenen Gebiete verlassen und somit Kurden und Turkmenen Platz machen sollten, auf. Doch weder kamen genügend Kurden zurück, noch waren ausreichend arabische Familien bereit, nach fast 30 Jahren ihr Heim zu verlassen. Auch nicht für die 15.000 Dollar, die man ihnen anbot.

Recht auf Kirkuk

Kawa und Assadi sind Nachbarn und wohnen beide am oberen Ende der Hauptstraße nach Bagdad, die durch den kurdischen Norden in den arabischen Süden Kirkuks führt. Beide sind 28 Jahre alt und Kurden. Doch da hört die Gemeinsamkeit der beiden Männer auch schon auf. Denn während Kawas Familie seit Generationen in der Ölstadt lebt und ein Frauenbekleidungsgeschäft betreibt, ist Assadi erst seit kurzem hier, um dem kurdischen Anspruch auf Kirkuk gerecht zu werden. Nachmittags sitzt er mit Pluderhose und Schärpe am Straßenrand hinter dem Sportstadium und verkauft Schwarzmarktbenzin. Von dem Lohn, den er als Peshmerga, als Mitglied der kurdischen Sicherheitskräfte, verdient, kann er seine sechsköpfige Familie nicht ernähren. „Wenn nicht über die Zukunft der Stadt abgestimmt wird, haben wir keinen Platz hier“, klagt er. „Die Verfassung gibt uns das Recht auf Kirkuk.“ Auch Kawa ist entschieden für die Angliederung an die kurdische Regionalregierung in Erbil. Allerdings macht er seinen Verbleib in Kirkuk nicht von dem Referendum abhängig. Die Stimmung unter den Kurden in Kirkuk sei sehr angespannt. Die meisten gäben Bagdad die Schuld für das Nichtzustandekommen der Befragung, manche den Amerikanern. „Wenn es keine _Abstimmung gibt, wird es Krieg geben“, vermutet Kawa gemäß dem Ausspruch von Kurdenführer Masud Barzani, der sich angeblich Anfang Dezember weigerte, US-Außenministerin Condeleezza Rice in Erbil zu empfangen, die zuvor Kirkuk besuchte. „Und wenn es ein Referendum gibt, wird es auch Krieg geben“, behauptet Thuraya, die am anderen Ende der Hauptstraße nach Bagdad im arabischen Viertel Kirkuks wohnt. Sie selbst ist Kurdin, ihr Mann Turkmene, die Schwiegertochter Araberin. „Das ist Kirkuk“, sagt die Frau. „Seit Generationen leben wir eng miteinander, und das wollen die jetzt kaputtmachen!“ Zu Hause eingesperrt Für die Parlamentswahlen Ende 2005 kandidierte die _Gynäkologin auf einer ara_bischen Liste. Das haben ihr einige übelgenommen. Sie musste ihre Praxis im Zentrum Kirkuks schließen und auch das Haus, in dem die Familie wohnte, verlassen. Die Drohungen nahmen überhand. Jetzt wohnen alle in einem sicheren, eingezäunten, bewachten Wohnviertel, das dem renommierten technischen Institut angegliedert ist. Thurayas Mann ist dort Dozent, sie ist Stadträtin. Doch die Anschläge und Entführungen nahmen ein derartiges Ausmaß an, dass der Weg zu den Sitzungen lebensgefährlich wurde. Zwei Stadträte sind bereits ermordet worden. Thuraya verlässt nur noch selten ihre Wohnung.

Sollte es ein Referendum geben und dies zugunsten der Kurden ausfallen, werde es _zunächst einmal zwischen den Kurden untereinander Streit geben, prophezeit die 48-Jährige. Denn Ölreichtum weckt Begehrlichkeiten. Wissenschafter wollen festgestellt haben, dass die Reserven im Norden sogar noch länger reichen als im Süden. Das gesamte Gebiet um die Stadt herum sei eine einzige Ölblase. In den Kampf ums Öl würden dann auch Araber und Turkmenen hineingezogen. „Dann wird es hier wie in Beirut im Bürgerkrieg“, ist sich Thuraya sicher. Deshalb haben sich Araber und Turkmenen zusammengeschlossen und eine Front gegen die Abhaltung des Referendums gegründet. Zwar seien auch die Turkmenen von Saddam vertrieben worden und hätten dasselbe Schicksal wie die Kurden erlitten. Doch lehnten sie die Eingliederung in den kurdischen Einflussbereich der Autonomiegebiete ab. Die Idee ist eine autonome Stadt Kirkuk. (Birgit Svensson aus Kirkuk, DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2008)

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    foto: der standard
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