Dos und Don´ts am Bosporus

28. Jänner 2008, 10:28
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Unternehmensberater Caglayan Caliskan will mit Klischees über die Türkei aufräumen - Kein "Kusszwang" und viele Frauen im Management

"Red Bull ist da und Magna will kommen, aber ansonsten gibt es am türkischen Markt nur wenige österreichische Produkte", meint Unternehmensberater Caglayan Caliskan. Wenn es nach ihm geht, soll sich das so schnell wie möglich ändern. Caliskan möchte dabei als "Wirtschaftsbrücke" zur Türkei fungieren. Er berät Unternehmen bei ihren Geschäftskontakten und Investitionen am türkischen Markt und klärt dabei über die Dos and Don´ts der Business-Welt auf. Um sich am türkischen Mark zu etablieren, sollten potenzielle Investoren über die kulturellen Gepflogenheiten und die Business-Etikette am Bosporus bescheid wissen, referiert der 40-Jährige bei einem Vortrag im Kent.

Stereotype

Die mit der Türkei assoziierten Bilder müssen korrigiert werden, hofft Caliskan auf ein Umdenken. In den Medien herrsche eine "undifferenzierte Berichterstattung", was sich auch in den geschäftlichen Beziehungen manifestiere. Dies wäre ein "wesentlicher Schritt zum interkulturellen Verständnis". Aufgrund der "populistischen Propaganda" seien beispielsweise "Kopftuch, Rechtsstaat und Extremismus" medial omnipräsent. "Das Kopftuch ist ein Teil der Türkei, aber nicht die Türkei", betont Caliskan. Das Land sei voller Gegensätze: "Arm und reich, schön und hässlich existieren nebeneinander." Caliskan konstatiert eine im Um- und Aufbruch befindliche Gesellschaft. Die Türkei wandle sich von einer "patriarchalischen Agrargesellschaft zu einer Industriegesellschaft westlichen Standards".

Um in der türkischen Business-Welt zu reüssieren, sollten im Umgang mit potenziellen Geschäftspartnern gewisse Spielregeln eingehalten werden. Es wäre beispielsweise ein grober Fauxpas, als Gast bei einem Geschäftsessen den eigenen Teil der Rechnung übernehmen zu wollen. Bei den meisten Business-Terminen sei Alkohol im Spiel, erzählt Caliskan. Das würde aber nicht in einem "Trinkgelage" ausarten. Ob man sein türkisches Gegenüber mit dem Titel anreden solle? "Nein", sagt Caliskan, denn: "Wenn man es mit einem Doktor zu tun hat, dann ist er entweder Mediziner oder Österreicher." In der Türkei rede man sich primär mit dem Vornamen an. Auf formeller Ebene sei es Usus, dass Männer mit der Bezeichnung "Bey" (deutsch: Herr) und Frauen mit "Hanim" (Dame) jeweils hinter dem Vornamen angesprochen werden.

"Business-Welt ist kaum konservativ"

Beim Anvisieren von Geschäftsterminen müsse man nur in den seltensten Fällen auf die Gebetszeiten Rücksicht nehmen. "Die Business-Welt ist kaum konservativ", so Caliskan. Vorsichtshalber sollte man aber freitags von 11 bis 15.00 Uhr keine Termine ins Auge fassen, denn da stehe das zweistündige Freitagsgebet auf dem Programm. Nach dem ersten Geschäftstermin mit einem türkischen Partner dürfe man sich noch keinen Abschluss erwarten: "Das Gespräch ist zumeist etwas diffuser. Man kommt nicht gleich auf den Punkt." Es gehe darum, "zuerst Vertrauen aufzubauen".

Frauen spielen laut Caliskan in der türkischen Geschäftswelt eine "sehr große Rolle". Im Vergleich zu Österreich seien in der Türkei doppelt so viele Managementpositionen mit Frauen besetzt. Sie würden sich immer öfter, vor allem im städtischen Bereich, für die Karriere und gegen Kinder entscheiden. Beides sei nicht unter einen Hut zu bringen. In der Türkei gibt es nur einen sechswöchigen Mutterschutz und keine Karenz.

Kein "Kusszwang"

Bei der Begrüßung gebe man seinem Pendant "einfach die Hand". Der unter türkischen Männern oft praktizierte Wangenkuss sei in der Business-Welt nicht üblich. Erst bei einem "amikalen Verhältnis" könne dies passieren. Küssen lassen muss sich aber niemand, meint Caliskan. Mit seiner Körpersprache könne man dies auch signalisieren: "Die Türken sind hier sehr sensibel und erkennen das." In Bezug auf die Business-Kleidung rät er eher dazu, "overdressed" aufzutreten. Eine zu legere Adjustierung würde manchmal als fehlende Wertschätzung gegenüber dem Gesprächspartner interpretiert werden.

"Wenn man in der Vergangenheit vom Jahrzehnt des Süd-Ost-Europäischen Marktes gesprochen hat, dann steht nun das Jahrzehnt der Türkei bevor", glaubt der gebürtige Türke. Auf expansionsfreudige Unternehmen warte ein "attraktiver Markt mit 75 Millionen Leuten". In den letzten fünf Jahren habe das Wirtschaftswachstum im Schnitt rund sieben Prozent betragen. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 400 Milliarden Dollar befinde sich die Türkei unter den "Top 10 Volkswirtschaften Europas".

Hälfte jünger als 27 Jahre

Chancen, um am türkischen Markt Fuß zu fassen, ortet er vor allem bei "qualitativ hochwertigen Produkten". Die Nachfrage sei enorm. "Bis jetzt sind aber nicht einmal 200 österreichische Firmen in der Türkei", hofft Caliskan auf mehr Investitionen. Ausgangspunkt aller Geschäfte mit der Türkei sei Istanbul, meint der Strategieberater. In der 20 Millionen Metropole am Bosporus existieren 40 Einkaufszentren. "Rund zwei Drittel der Türken leben in Städten und konsumieren betont markenbewusst", so Caliskan. Knapp die Hälfte der Bevölkerung sei jünger als 27 Jahre und somit für ausländische Investoren als Zielgruppe sehr attraktiv. (om, derStandard.at, 27.1.2008)

  • Unternehmensberater Caglayan Caliskan ist Autor des Buches "Wirtschaftspartner Türkei. Ein Handbuch für erfolgreiche Unternehmer".

    Unternehmensberater Caglayan Caliskan ist Autor des Buches "Wirtschaftspartner Türkei. Ein Handbuch für erfolgreiche Unternehmer".

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