"Menschen wollen Reduktion"

29. April 2008, 12:58
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Computer-Partyspiele sind der neueste Renner, sogar in Altersheimen. Warum es plötzlich so viele Gelegenheitsspieler gibt, erklärt Gamekultur-Experte Tobias O. Meißner

der Standard: Casual Games werden immer beliebter, also einfachste Spielformate wie Boxen mit der Wii-Konsole oder virtuelles Kochen mit Ubisofts "Spiele für mich". Ist die alte Gaming-Kultur vorbei, mit ihren schwer zu knackenden Spielen und großen Abenteuerreisen?

Tobias O. Meißner: Ich bin immer skeptisch, wenn das Ende von irgendetwas heraufbeschworen wird. Der 1989 eingeführte Nintendo Gameboy hat die anderen Konsolen und den Computer ja auch nicht verschwinden lassen. Spieler wollen immer neue und unterschiedliche Spielarten. Und die Nintendo-Konsole "Wii" mit ihrem körperbetonten Konzept ist eben auch nur so eine neue Form.

der Standard: Allerdings eine sehr erfolgreiche: Amazon hat über das Jahr 2007 hinweg gerechnet 17 Wiis pro Sekunde verkauft. Wird diese Art Spielformat langfristig Erfolg haben?

Meißner: Es macht Spaß, solange es neu ist. Ein dauerhafter Erfolg wird sich erst einstellen, wenn die Entwickler es schaffen, das technische Niveau und somit das interaktive Angebot erheblich zu steigern.

der Standard: Fans von aufwändigen Games müssen keine Angst haben, dass bald nur noch Partyspiele auf den Markt kommen?

Meißner: Durch den Erfolg und das zugehörige Medienecho interessiert sich die Wirtschaft verstärkt für die Casual Games. Das ist ganz natürlich. Marktwirtschaftlich betrachtet ist es ohnehin nicht selbstverständlich, Spielarten zu erhalten, die von alten Fans bevorzugt, von der Masse aber wenig beachtet werden. Der Erfolg der Wii rührt gerade daher, dass diese Konsole Konsumenten anspricht, die nicht aus der Spielkultur stammen - und auf der Suche nach einfach erfassbarer Unterhaltung sind. Beides wird nebeneinander bestehen bleiben: Spieler, die auf Partys Tennis spielen und Spieler, die epische Spielformen bevorzugen.

der Standard: Alles bleibt beim Alten - nur die Industrie hat neue Kundenkreise erschlossen?

Meißner: Nein. Ich glaube vielmehr, diese Spielarten können sich sehr stark beeinflussen. Sie liefern beide interessante Konzepte, die für die jeweils andere Spielform aktivierbar sind. Gerade die Wii-Konsole liefert tolle Möglichkeiten, etwa für epische Rollenspiele: In denen ließe sich dann vielleicht das Schwert des virtuellen Helden selbst schwingen. Und das wiederum führt vielleicht technisch weniger versierte Menschen an die altbekannten Genres heran. Statt komplizierte Tastenkürzel zu kennen, übersetzt man körperliche Bewegungen direkt auf den Bildschirm. So lässt sich plötzlich gemeinsam in die weitläufigen Abenteuerwelten eintauchen, die Spielefreaks schon seit Jahren bevölkern.

der Standard: Obwohl die Konsumenten auf ein technisch immer ausgefeilteres Sortiment zurückgreifen, gibt sich der Großteil plötzlich mit Games ab, denen simple, alte Spielkonzepte wie Pong und Telespiel zugrunde liegen. Wieso?

Meißner: Gerade in den vergangenen Jahren hat sich die Industrie selbst ein Bein gestellt. Das Streben nach technischer Perfektion brachte oft Spiele hervor, die immer schwerer zu bewältigen waren. Das Publikum sehnte sich nach Spielen, die schneller zu erfassen und zu spielen sind. Casual Games sind im Grunde nur der massenindustrielle Ausdruck eines Bedürfnisses der Spielersubkultur der vergangenen ein bis zwei Jahre: der Sehnsucht nach Reduktion.

der Standard: Aber warum scharen sich alle gemeinsam um den Bildschirm, wenn sie auch im Internet gegen andere Menschen spielen können?

Meißner: Ganz einfach: Es macht Spaß, gemeinsam mit anderen live zu spielen. Den Gegner beim Spielen wirklich zu erleben, ihn leiden, wüten und jubeln zu sehen, ist erheblich lustiger, als den menschlichen Kontrahenten nur in Form seiner Spielfiguren wahrzunehmen. Wir wollen auch weiterhin so menschlich wie möglich interagieren. Deshalb werden Videospiele bald endgültig in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen sein.

der Standard: Dieser Meinung ist auch die EU-Kommission: Sie will Computerspiele als Teil der Kultur anerkennen.

Meißner: Auch das zeigt: Wir müssen uns endgültig verabschieden von dem alten Klischee des Computerspielers, der beim Spielen schleichend vereinsamt und sozial verkümmert. Seit Jahren weitet sich die Gamingkultur aus: In 30 Jahren wird so gut wie jeder von uns mit Computerspielen aufgewachsen sein - und mit Wii und ähnlichen Formaten ist diese Kultur jetzt schon auf Partys angekommen.

der Standard: Sogar in einem britischen Altersheim ist das Zocken mit der Wii ein Renner.

Meißner: Was überhaupt keine dumme Idee ist! Es ist doch viel motivierender, zusammen unterhaltsame Spiele zu spielen, als gemeinschaftlich vor dem Fernseher dahinzuvegetieren. (Johannes Lau / DER STANDARD RONDO / 25.01.2008)

Zur Person: Tobias O. Meißner (Jahrgang 1967) ist Romanautor in Berlin. Er hat "Wir waren Space Invaders" verfasst, eine Kulturgeschichte des Computerspielens.
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