Nach dem eigenen Genom googeln

7. Februar 2008, 10:27
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Die Biotech-Firma 23andMe bietet persönliche Genom-Analysen an. Durch Basiswissen der "User" selbst soll eine Art Open-Source-Bewegung dazu beitragen, dass genetisches Wissen anwendbar wird.

Seit es dem "Human Genome Project" 2003 zum ersten Mal gelang, das in DNA gespeicherte komplette menschliche Erbgut zu entschlüsseln, gibt es eine wahre Flut an Forschungsergebnissen darüber, welche Gene - oder Kombination von Genen - für welche Krankheiten verantwortlich sein könnten.

Expertenmonopol

Aber während Zugang zu individueller genetischer Information bisher das Monopol von Experten war, gibt das Biotech-Startup jetzt um 999 US-Dollar (680 Euro) jedem Menschen die Möglichkeit, sein Genom entschlüsseln zu lassen.

Das im November des Vorjahres in den USA eröffnete Angebot gibt es seit wenigen Tagen auch für Interessenten in Europa. Die beiden 23andMe-Gründerinnen Linda Avey und Anne Wojcicki nützten das Weltwirtschaftsforum in Davos dazu, 1000 Gratis-Testboxen an die Reichen und Wichtigen der Welt zu verteilen.

Zugang zu den genetischen Daten

Die Genom-Entschlüsselung durch 23andMe sei keine Diagnose, erklärte Avey vor wenigen Tagen beim digitalen Zukunftsforum DLD 08 in München. "Wir geben den Menschen Zugang zu ihren persönlichen genetischen Daten, was ihnen ermöglicht, sich gezielt mit der Flut an Information über Genetik auseinanderzusetzen", sagt Avey.

"Wir konzentrieren uns nicht auf die eine oder andere Krankheit", erklärt Wojcicki. Auf der Website von 23andMe würden die vorhandenen genetischen Informationen erklärt, "wir geben den Leuten eine personalisierte Bildungsmöglichkeiten in Sachen Genetik, und keine Diagnose". Eigene Experten wählen aus der Flut an Veröffentlichungen aus und bereiten sie nach pädagogischen Gesichtspunkten auf.

Erkrankungsrisiko

So wird der Zusammenhang zwischen der genetischen Information und einem möglichen Erkrankungsrisiko hergestellt, aber auch erklärt, welche anderen Faktoren Einfluss auf Erkrankungen haben und wie man durch sein persönliches Verhalten - Ernährung, Lebensgewohnheiten, Vorsorgeuntersuchungen - sein Risiko verringern könne.

Die Genom-Analyse wird anhand einer 2,5 Milliliter großen Speichelprobe erstellt; zwei bis vier Wochen nachdem man die Probe eingeschickt hat, erhält man den Zugangscode, um auf der Website von 23andMe die Resultate abzurufen und in Beziehung zu den bereitgestellten Informationen setzen zu können.

Das komplette Genom

Derzeit wird nicht das komplette Genom entschlüsselt - ein Unterfangen, das derzeit noch mehrere Hunderttausend Dollar kostet - sondern mithilfe eines DNS-Chips nur ein "strategischer Querschnitt" von einigen 100.000 DNA. Aber 23andMe wolle zur Weiterentwicklung der Technologie beitragen und eines Tages auch vollständige Analysen durchführen, erklärte Wojcicki.

Die Genom-Entschlüsselung habe weitere Aspekte, die sich das Unternehmen zum Ziel gesetzt habe. Einerseits gehe es auch darum, dass Kunden mit ähnlichen Erkrankungen auf freiwilliger Basis ihre genetische Information abgleichen können, um das Zusammenwirken von genetischer Disposition und bestimmten Medikamenten besser verstehen zu lernen, sagt Wojcicki. Sie sieht darin eine Art Open-Source-Bewegung im medizinischen Bereich, der zu personalisierter Medizin beitragen soll.

Andererseits eröffnet die Gen-Analyse auch den Weg zur Ahnenforschung. So hätten der Rockmusiker Jimmy Buffett, der wie der Investor Warren Buffett zu den frühen Kunden von 23andMe zählt, schon lange herausfinden wollen, ob sie miteinander verwandt sind - der Genom-Vergleich half ihnen, dies zu klären (sie sind nicht verwandt).

Hohe Sicherheit

"Unser Modell sind Banken", erklären Avey und Wojcicki auf die Frage nach der Vertraulichkeit der bei 23andMe gespeicherten Daten, "und bisherige Audits bescheinigen uns, dass wir hohen Sicherheitsansprüchen gerecht werden".

Das Start-up (der Name bezieht sich auf die 23 Chromosomenpaare, die unsere DNA enthalten) wurde 2006 gegründet. Einer der frühen Investoren war Google-Gründer Sergej Brin, inzwischen mit Wojcicki verheiratet. Brin hat seine Investition seither an Google übertragen, das bisher rund vier Mio. Dollar in 23andMe steckte.(Helmut Spudich, DER STANDARD/Printausgabe vom 26.1.2008)

  • Foto: Spudich/Reuters, Montage: KohlhuberGene sind nicht unser Schicksal: Durch die individuelle Gen-Analyse wollen Linda Avey (li.) und Anne Wojcicki mit "23andMe" Menschen ihre eigene genetische Information zugänglich machen.

    Foto: Spudich/Reuters, Montage: Kohlhuber

    Gene sind nicht unser Schicksal: Durch die individuelle Gen-Analyse wollen Linda Avey (li.) und Anne Wojcicki mit "23andMe" Menschen ihre eigene genetische Information zugänglich machen.

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