Ein enormes Gefühl des Stolzes

28. Jänner 2008, 00:21
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STANDARD-
Lokalaugenschein in South Carolina, wo am Samstag eine Vorentscheidung über die demokratische Präsidentschaftskandidatur gefallen ist

Was zählt für Amerikas Farbige mehr: die Herkunft Barack Obamas oder die Kompetenz Hillary Clintons und die Popularität ihres Mannes bei den "Afros"? In South Carolina fällt an diesem Samstag eine Vorentscheidung über die demokratische Präsidentschaftskandidatur.

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"Salon Fabulous", das klingt auf den ersten Blick ganz schön anmaßend. In Wirklichkeit ist es eine Baracke, ein tristes Provisorium zwischen noch tristeren Häusern mit zugenagelten Fensterhöhlen. Aber sobald man eine schmale Blechtreppe erklommen hat und eintritt in den Friseursalon, umfängt einen eine glitzernde Welt mit grellbunten Haarspray-Dosen und samtschimmernden Perücken, mit herrlichen Spiegeln und den goldgerahmten Fotos ebenholzfarbener Schönheitsköniginnen an den Wänden. Gleich am Eingang hängt das Bild eines Präsidentschaftskandidaten, der - wie könnte es anders sein - im Sessel eines Barbiers sitzt und lockert plaudert.

Vor ein paar Wochen waren Barack Obamas Werber da und haben das Bild mitgebracht. Danyelle America war anfangs skeptisch, zu groß schien die Kluft zwischen "denen da" in der Politik und ihrer winzigen Baracke im Slum von Columbia. 14 Stunden pro Tag steht sie dort und frisiert. Der Salon soll sie über Wasser halten, nachdem sie vor sechs Jahren aus dem Militärdienst ausgeschieden ist, zurückgekehrt vom Einsatz aus Deutschland. Jetzt ist Danyelle America, Sergeant a. D., auch noch freiwillige Wahlhelferin, die bekannteste, die "Camp Obama" in der Stadt zu bieten hat.

Das dänische Fernsehen hat gerade eingepackt, das kanadische wartet vor der Tür. Danyelle beugt sich über den Kopf einer Kundin, der sie falsche Wimpern anklebt, und stellt in spöttischem Ton eine rhetorische Frage: "Sabrina, muss ich dich wirklich noch fragen, wen du wählst?" Dann wird sie ernst. "Ein Obama im Weißen Haus, das würde den Jungs, die hier rumlungern, ein bisschen mehr Hoffnung geben.

Im Abwärtssog

Die Jungs in ihrem Viertel sind Danyelles größte Sorge. Fast 60 Prozent brechen die Schule ab, die meisten sind drogensüchtig, brauchen Geld für den nächsten "Schuss" und geraten in den Sog des Verbrechens. Ihre eigene Schwester kam für zwölf Jahre hinter Gitter. "Auch was mit Crack, schuld war ihr Mann", sagt Danyelle, ohne es genauer erklären zu wollen. Jedenfalls versorgt die 43-Jährige jetzt auch die drei Kinder ihrer Schwester, zusätzlich zu ihren zwei eigenen. Wie sie da noch Zeit findet, Wahlkampf zu machen, Türschnallen zu putzen? "Ich improvisiere eben." Samstags macht sie ihren Laden zu, obwohl es der Tag ist, an dem sie am meisten verdient. Der Samstag ist reserviert für Obama.

Es ist kein Wunder, dass die Stäbe der Kandidaten so ausgiebig um die Gunst Danyelle Americas und ihrer Kolleginnen buhlen. Die "Beauty-Shops" sind nicht nur Frisiersalons, sondern auch Nachbarschaftstreffs, Zentren für Seelenmassage, Debattierklubs. Schon Martin Luther King nutzte die Beauty-Shops, um mutige Frauen für die Bürgerrechtsbewegung zu rekrutieren. Auch Obama sieht sie als Drehscheiben.

Zwar betont er einerseits immer wieder, dass er eben nicht als Schwarzer antritt, sondern als Symbolfigur eines geeinten Amerika. Andererseits entfacht er bei den Schwarzen ein enormes Gefühl des Stolzes. Ein Gefühl, das Reverend Ralph Canty, Pfarrer im Städtchen Effingham, in folgende Worte kleidet: "Können Sie sich vorstellen, was es bedeutet, wenn ein Land, in dem Menschen afrikanischer Herkunft noch vor 300 Jahren in Sklavenketten lagen, morgen einen Menschen afrikanischer Herkunft zum Präsidenten hat?"

Noch muss sich erweisen, ob das Stolzgefühl stärker wiegt als der Respekt vor der Sachkompetenz Hillary Clintons, der Gattin eines Ex-Präsidenten, den viele Schwarze wie einen Bruder verehren. South Carolina, wo bei den Demokraten jeder zweite Wähler ein Farbiger ist, gilt in dieser Beziehung als Lackmustest.

"Juke's Barber Shop", auch ein Frisiersalon, aber nur für Herren. Vom Enthusiasmus in Americas Baracke ist nichts zu spüren. Stanley Glover zählt dieselben Probleme auf wie seine Kollegin am anderen Ende der Main Street. Aber von Hoffnung redet er nicht. Clinton? Obama? Beides Namen, die ihn nicht vom Hocker reißen. Glover, ein Ex-Soldat, der das Glück hatte, zu jung für Vietnam und zu alt für den Irak gewesen zu sein, hegt Sympathien für einen, der bei den Demokraten gar nicht antritt. Für John McCain. "Der ist Veteran, genau wie ich. Der erklärt einem die Welt, wie sie ist, ohne sie rosazumalen." (Frank Herrmann aus Columbia/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.1.2008)

  • Danyelle America vor ihrem Beauty-Shop in Columbia: "Ein Obama im Weißen Haus, das würde den Jungs, die hier rumlungern, ein bisschen mehr Hoffnung geben."
    foto: herrmann

    Danyelle America vor ihrem Beauty-Shop in Columbia: "Ein Obama im Weißen Haus, das würde den Jungs, die hier rumlungern, ein bisschen mehr Hoffnung geben."

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