Hühner, Tratsch und politischer Wandel

3. Februar 2008, 19:56
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Dan Lungus "Das Hühnerparadies"

Im untergegangenen, real existierenden Sozialismus gab es eine wunderbare Art von Belletristik: Schlicht, humorvoll und mit traurigem Unterton wurde vom Leben der Menschen erzählt. Kritik am System kam nie richtig durch, aber der Leser fühlte und verstand die Zwänge und Ohnmacht des kleinen Mannes. Man glaubte dieses Genre mit dem Fall der Sowjetunion verschwunden – und dann kommt dieser Roman daher, der sich wie selbstverständlich in die Tradition lustig/traurig, unpolitisch/renitent einreiht. Dan Lungu erzählt eine Geschichte von Menschen, die entlang einer Straße irgendwo in Rumänien leben.

Es gibt kaum Verkehr, weshalb die Hühner dort ihre Körner picken und die Kinder ihre Streiche spielen. Alles geht seinen gewohnten, durchaus angenehmen Gang, wie er auch unter dem rumänischen Diktator gelebt wurde: Die Frauen putzen das Haus, kochen, und beobachten, was auf der Straße vor sich geht. Wenn man das Jahre, Jahrzehnte, macht, ergeben sich aus den Beobachtungen stimmige Geschichten, die wiederum im Dorftratsch weitergesponnen werden. Die Männer gehen zur Arbeit oder ins einzige Wirtshaus und saufen sich dort ins Delirium. Nur weniges weist darauf hin, dass sich vor kurzem politisch fundamental etwas geändert hat: Etwa ist das Auftauchen einer zickigen Fernsehjournalistin ein Zeichen. Oder das Verschwinden der Gemüsekonserven, in deren Besitz man sich über Tausch oder einfaches Abzweigen beim Produktionsprozess brachte. In dieser statischen Gesellschaft, als deren Symbol die Dorfstraße im rumänischen Irgendwo dient, ist viel passiert: Die Gemüsekonservenfabriken sind verschwunden, ebenso die dazugehörigen Konserven. Aber die Straßengeschichten, die gibt es noch. (Johanna Ruzicka, ALBUM/DER STANDARD, 26/27.01.2008)

Dan Lungu "Das Hühnerparadies". Deutsch:Aranca Munteanu. € 17,90/208 Seiten. Residenz, St. Pölten 2007.
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    cover: residenz
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