Zeitphänomene mit Todesfall

3. Februar 2008, 19:56
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"Eigene Ideen sind seltener, als wir wünschen": Juli Zeh hat mit "Schilf" einen halboriginellen Krimi im Physikermilieu geschrieben

Angst und Bange werde einem manchmal, wenn man zu erahnen beginne, wohin der Weg in die gekrümmten Räume noch führen werde, lässt das in letzter Zeit am meisten gelesene Kunstwerk deutscher Sprache Carl Friedrich Gauß sagen. "Wenige Menschen beherrschen die Kunst, sich vor den richtigen Dingen zu fürchten", stellt nun Juli Zeh ihrem Roman Schilf voran. Auch hier, in der gegenwärtigen Konstellation eines Krimis mit Hintergrund, geht es um Erforschung physikalischer und existenzieller Dimensionen.

Sebastian ist Professor an der Uni in Freiburg. Im Ortsambiente mit buchstäblicher Bedeutung, unterm Schauinsland und an der Dreisam, scheint er sich mit seiner Frau Maike, die eine Galerie betreibt, und seinem Sohn Liam wohl zu fühlen. Allerdings kommen einmal im Monat die Vergangenheit und das Unausgesprochene zu Besuch, sodass Sebastian leicht davor zittert. Zu Recht, wie sich herausstellt. Mit seinem feschen Freund Oskar, einem "Großphysiker" am Genfer Cern, verbinden ihn eine vielsagend angedeutete geheime homosexuelle Beziehung und ein "wissenschaftlicher Dauerstreit". Dabei geht es um nicht weniger als Weltvorstellung und Universalerklärung, schließlich um Leben und Tod. Bis zur Unterstützung der seltsamen Freiburger Ermittlerin ein merkwürdiger Kommissar – erst in der Mitte des Romans, immerhin mit dem titelgebenden Namen Schilf – eingreift, eine Kreuzung aus Dürrenmatts sterbenskrankem Bärlach und Adamsberg, dem Meister der intuitiven Methode bei Fred Vargas.

Nach einer heftigen Fernsehdebatte mit Oskar soll Sebastian seinen Sohn in ein Pfadfinderlager bringen. Unterwegs verschwindet das geparkte Auto samt dem schlafenden Liam. Der Kleine komme frei, so versteht Sebastian einen Anruf, wenn er den Arzt wegschaffe, der im Medizinerskandal aussagen könnte und der Maikes "Radsportfreund" (wie eng, fragt sich) ist. Folglich macht sich der Physiker an einen Mordplan. Derart ausgefallen, wie der Klappentext verspricht, ist das Szenario allerdings nicht. Eben dazu sagt eine der Hauptfiguren: "Eigene Ideen sind seltener, als wir wünschen."

Juli Zeh hat die Handlung vielschichtig und sprachmächtig, einige Charaktere jedoch zu dünn gestaltet. Schilf liest sich durchaus packend, allerdings wirkt das enttäuschende Schlusskapitel recht populärpsychologisch. Der Aufbau passt zur Thematik von Raum und Zeit und narrativer Bewegung, das Erzählen selbst findet sich – der Physikerdebatte angemessen – in einer Klammer des Möglichkeitssinns relativiert. "So ist es, denken wir, in etwa gewesen", schließt der knappe Prolog, der Handlungselemente präsentiert, als wär’s eine Kapitelüberschrift in einem Roman der 1920er-Jahre: "Ein Kommissar, der tödliches Kopfweh hat, eine physikalische Theorie liebt, löst seinen letzten Fall. Ein Kind wird entführt und weiß nichts davon [...]. Am Ende scheint alles anders, als der Kommissar gedacht hat – und doch genau so." Am Ende steht der Epilog, und der Verweis auf die ungefähre Überlieferung des Berichtens: "So ist es, sagen wir, in etwa gewesen."

Eine reizvolle Variante, spannendes Erzählen in eine Relativität zu packen, eine Relativität, mit der es die beiden Physiker wissenschaftlich und existenziell zu tun haben. Die Stringtheorie und Schrödingers Katze kennen wir schon aus einigen literarischen Werken, den 2. Hauptsatz der Thermodynamik aus dem Roman Mahlers Zeit von Daniel Kehlmann, wo auch die Überlegung aus Sebastians Vorlesung in Schilf zu finden ist, dass ein gegenwärtiger Augenblick nicht existiere.

Wie sein Gegenspieler Oskar meint er zu erkennen, "dass die Zeit nicht nur im philosophischen, sondern auch im physikalischen Sinn ein Produkt des Bewusstseins und zugleich mit diesem identisch ist". Nach Kant erklärt er Zeit, Raum und Kausalität als Kategorien der Vernunft. So erzählt er’s dem Kommissar, dessen Vorstellungen und Wahrnehmungen jenen des Professors ähneln: Eine Ausformung des Genre-Modells "Der Ermittler im Denken des Täters". Und beide haben den Eindruck, als sitze ein Beobachter in ihrem Kopf.

Juli Zeh gelingen interessante Hintergründigkeiten, schön doppelbödige Passagen. Um eine Laterne "tanzt eine Wolke Mücken, offenbar angezogen von der bloßen Erinnerung an Licht. Zwei Mauersegler im zackigen Jagdflug teilen diese Erinnerung gern." Laternen und Vögel, diese leitmotivischen Symbolzeigefinger, setzt sie aufdringlich ein, und wie im zweiten Kapitel Tierkadaver und Raubvögel gehäuft sind erscheint plakativ. Zu oft flattert eine Kleidung im Wind; da entsteht kein weiterreichendes Motiv, sondern nur eine Reihe von Bildwiederholungen. Mancher Vergleich wirkt übertrieben (der Mond "grell wie ein Theaterscheinwerfer"), und bisweilen liefert das stark aufgetragene Kunsthandwerk schiefe Bilder: Die Scheinwerfer eines Autos "reißen eine Handvoll Bäume an sich und schleudern sie gleich darauf zurück in die Dunkelheit."

Dabei schafft Juli Zeh einen originellen Erzählrahmen. Das erste Kapitel beginnt mit einem Anflug, der Epilog mit einem Abflug. "Die Vögel erstatten den Bergen Bericht", heißt es im vorletzten Satz. Das Vogelmotiv ist zur Erzählperspektive verdichtet, und dieser steht gelegentlich für Sebastian die Perspektive von Ameisen, für den Kommissar jene eines Schmetterlings gegenüber. Für die Hauptfiguren spielen die Distanz und der Zufall, den Juli Zeh strapaziert, eine wesentliche Rolle. Der Physiker beziffert die Möglichkeit biologischen Lebens nach dem Urknall so gering, dass ihm die Menschen als "Zufall mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu zehn hoch neunundfünfzig" gelten; der Kommissar versteht Zufälle als Metaphern, die seinen Ermittlungen auf die Spur helfen. Die Welt sei so, wie sie sei, meint er, "weil es Beobachter gibt, die ihr beim Existieren zusehen". Betrachten, berichten – und die Frage, was wirklich, was wahr sei. (Klaus Zeyringer, ALBUM/DER STANDARD, 26/27.01.2008)

Juli Zeh "Schilf". € 20,50/384 Seiten. Schöffling, Frankfurt/Main 2007.
  • Um eine Laterne tanzt eine Wolke von Mücken, offenbar angezogen von der bloßen Erinnerung an Licht. Zwei Mauersegler im zackigen Jagdflug teilen diese Erinnerung gern.
    foto: jürgen bauer

    Um eine Laterne tanzt eine Wolke von Mücken, offenbar angezogen von der bloßen Erinnerung an Licht. Zwei Mauersegler im zackigen Jagdflug teilen diese Erinnerung gern.

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