Führen mit Herz und Hirn

25. Jänner 2008, 17:18
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"Wodurch wird Führung wirklich wirksam?", so die Frage beim Dialog­symposium des Redmont Leadership Projects - Neurobiologe Hüther fand überraschend einfache Antworten

"Arbeit ist Mist." Fast jede Führungskraft im Auditorium im Wiener Siemens Forum gab zu, dass sich wohl der ein oder andere Mitarbeiter dieser Fraktion im eigenen Team finden ließe. Aber wie kommt man an so jemanden heran? "Sparen Sie sich endlose Gespräche mit diesem Kollegen und schicken Sie ihn nicht in zahllose Fortbildungs- und Motivationsprogramme", rät der Neurobiologe Gerald Hüther, Professor an der Universität Göttingen, mit Nachdruck, "damit werden sie nämlich gar nichts erreichen, weil sie nur an seine Ratio appellieren."

An der inneren Einstellung arbeiten

"Mit Kontrolle und auch gewissem Druck", habe er durchaus positive Erfahrungen gemacht, meint eine Führungskraft aus dem Publikum. Das wundert Hüther freilich nicht: "Es gibt immer Varianten, Menschen zum Funktionieren zu bringen, primitivere und nachhaltigere." Viel erfolgversprechender und "in Wahrheit die einzige Möglichkeit" sei es, an der inneren Einstellung des Betroffenen zu arbeiten. "Die besteht aber eben nicht nur aus der Vernunft, sondern ist stark an Emotionen gekoppelt.

Hirn- und Körperarbeit

Das Hirn arbeitet nämlich nie allein, sondern immer nur im Kontext mit dem Körper. "Eine Erfahrung besteht aus beidem: aus Lernen und dem Gefühl, das damit verbunden war", so Hüther, der seine Aussage mit einem Beispiel untermauert: "Viele Eltern bekommen, wenn sie zum ersten Elternsprechtag ihres Kindes gehen, bereits beim Öffnen des Schultores weiche Knie und Magenschmerzen. Und wieso? Weil ihre Hirne 'Schule' und 'Lernen' mit 'Angst' und 'Bauchweh' während der eigenen Schulzeit abgespeichert haben, und zwar so sehr, dass dieser Eindruck Jahrzehnte später in einer ganz anderen Situation genauso abgerufen wird." Nicht anders verhält es sich später im Arbeitsleben. Eine noch so interessante und spannende Tätigkeit wird vom Hirn nicht positiv memoriert werden, wenn das Arbeitsklima vorherrschend schlecht ist. Gibt der Chef aber seinem Mitarbeiter die Möglichkeit, neue, positive Erfahrungen zu sammeln, indem er ihm interessante Aufgaben stellt und ihm zugleich vertrauensvoll und mit Wertschätzung begegnet, kann das Engagement in dem Arbeitsmuffel erwachen.

Grundbedürfnisse

"Das funktioniert bei einem älteren Arbeitnehmer übrigens auch. Vermitteln Sie ihm täglich, dass er ohnehin schon zum alten Eisen gehört, sitzt er ganz schnell auf der Rutsche Richtung Schrottplatz. Hat er aber das Gefühl, er kann das Seine beitragen, wird er bis zum letzten Arbeitstag seiner Berufslaufbahn voll dabei sein", glaubt Hüther.

"Hirntechnisch" ist das für den Wissenschafter einfach zu erklären: Als Ungeborener mache der werdende Mensch neun Monate lang die Erfahrung, verbunden zu sein und dabei wachsen zu können. Mit diesen Grundbedürfnissen, "Verbundenheit" und "Wachsenkönnen", sei daher jeder von uns vorprogrammiert und erwarte deren Befriedigung.

Enge Bindung

"Mütter, die ihre Kinder beglucken, vermitteln ihnen zwar eine enge Bindung, aber nicht das Gefühl, wachsen zu können. Die Folge ist Unsicherheit und Unselbstständigkeit. Andererseits tun Eltern ihrem Nachwuchs nichts Gutes, wenn sie nach dem Motto "Schau mal, wo du bleibst" erziehen. Selbstständig werden solche Kinder ganz schnell, fühlen sich aber nirgends zugehörig."

Bei den meisten Zuhörern macht sich Nachdenklichkeit breit. Die Frage "Und wie war/ist das bei mir?" scheint durch die Köpfe zu sausen. Hüther beruhigt: "Die Antwort ist nicht unerheblich, aber auch nicht in Stein gemeißelt. Denn Sie können Ihre Einstellungen ein Leben lang umstrukturieren und die Welt wieder neu betrachten. Wie? Mit Herz und Hirn natürlich." (Judith Hecht, DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.1.2008)

  • Gerald Hüther, Neurobiologe, Universität Göttingen
    foto: redmont

    Gerald Hüther, Neurobiologe, Universität Göttingen

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