Multiplexx im Hosensack

25. Jänner 2008, 10:44
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Das kann ja jeder: Per Handycam kleines Kino machen. Ob das gut geht, fragt sich Andrea Maria Dusl

Lagow ist ein verträumtes Ferienstädtchen an einem verwinkelten polnischen See. Die Zeit geht langsamer hier, Zifferblätter haben keine Minutenzeiger. Ein kleines Filmfestival hat sich etabliert, ein Cannes im slawischen Kleinkrämerformat. Neben dem Filmprogramm gibt es Diskussionen, Filmstudenten aus der Hauptstadt sind angereist, um sich mit erfahrenen Kollegen aus dem Ausland zu treffen. Es geht um die Sorgen der jungen Filmemacher. "Die Welt geht unter", beklagen sie, "die Cinematographie geht den Bach runter." "Wieso denn das?", fragt der etablierte Kollege aus dem Westen. "Ach", seufzen die polnischen Jungregisseure, "was ist unser Studium noch wert, wenn alle jetzt Filme machen können?" "Alle können jetzt Filme machen?", fragt der Filmdirektor mit gespieltem Staunen. "Aber ja doch", jammern die Polen, "200 Euro kosten die digitalen Kameras, noch billiger geht das Drehen mit dem Handy. Was hat unser Beruf für eine Zukunft, wenn jeder an die Geräte randarf? Was waren das für gute Zeiten, als eine Kamera auf eine Million Leute kam!"

Geldfragen

"Was seid ihr für Trottel", brummt der Filmgroßmeister. "Zum Filmemachen brauchen wir keine Kameras, kein Licht und kein Geld. Wir brauchen eine Idee und jemanden, der die Idee dirigiert." "Wer braucht noch Regisseure, wenn jeder eine Kamera bedienen kann?", maulen die Filmstudenten zurück. "Wer braucht Dirigenten?", kontert der Großmeister. "Dirigierstäbe gibt's in jedem China-Restaurant. Ist ein einziger Dirigent deswegen arbeitslos geworden? Ein einziges Orchester von einem Restaurantgast geleitet worden? Nein. Also wovor habt ihr Angst? Geht raus und macht eure Filme, von mir aus mit Supermarktkameras." Die Studenten zerstreuen sich mürrisch, tippen zornige Kurznachrichten in ihre Handys und betäuben ihre Existenzängste an der Bar.

Technologie

Die kleine Provinzgeschichte illustriert die Ängste, die Technologieschübe auslösen. Die jungen Filmemacher müssen sich tatsächlich mehr Sorgen um ihre Leber als um ihre Zukunft machen. Gute Geschichten, spannende Filme werden immer das Primat haben über maue Plots und langweilige Streifen. YouTube, die Anlaufstelle für nahezu jedes bewegte Bild in diesem Universum, zeigt das deutlich. Jenseits von Marktmacht und Sehgewohnheiten hat sich dort eine Vielfalt an Formaten etabliert, die herkömmliche Medien alt aussehen lassen und Qualität durch ein raffiniert einfaches Benotungssystem automatisch hochspülen. Während TV und Kino den Stand der Dinge mühsam über Quoten, Marktdurchleuchtungen, Besucherstatistiken eruieren und dem Mammon verpflichtet sind. Und dennoch sei YouTube inzwischen böse, sagen die Warner, denn die Privatfilmabspielstätte ist einer der Krakenarme des Monopolisten Google.

Abspielen

Mittlerweile hat das selbstgemachte Kleinfilmchen seinen Weg in die Männerwelt angetreten. YouPorn zeigt all das, wofür der einsame Mann früher in schmuddelige Hinterhöfe marschierte. Porno und Fußball, die beiden inoffiziellen Königspärchen der laufenden Bilder, sind vermutlich das, was die Handybetreiber mit Content meinen. Mit breitbandigen Netzen soll das private Handy zur Abspielstation für Bilder jeglicher Art werden. Kassiert wird, wie immer, am Eingang. Früher war das die Kinokasse, heute ist das die Monatsrechnung.

Erzählung

Ist das gut? Ja, das ist gut, sagen die Filmemacher. Längst wird hinter den Kulissen für das neue Format gearbeitet, eine neue Art des Erzählens erfunden. Eine Rückkehr des Kurzfilms dürfen wir erwarten. Kleine, raffinierte Filmessays, auf Pointe geschrieben, für das Karteikarten-Format der kommenden Handydisplay-Generation inszeniert. Ideal für die Fahrt im Bus, fürs Warten am Arbeitsamt, für einsame Stunden im Hotelzimmer. So richtet sich die Wut eines der ganz Großen der Leinwand vermutlich gar nicht gegen die Handynutzer, sondern gegen die großen Filmkonzerne, die Dinosaurier des Contents. "Nicht in einer Trillion Jahren", wettert Mythenschmied David Lynch, "werdet ihr auf einem Telefon einen Film erleben. Da werdet ihr betrogen!" "Es ist so traurig", fährt Lynch fort, "wenn ihr denkt, ihr hättet einen Film auf eurem verdammten Telefon gesehen, get real, wacht auf!"

Verkündung

Wo das der Filmemacher mit den zu Berge stehenden Haaren verkündet? Auf YouTube, wo sonst. (Andrea Maria Dusl / DER STANDARD RONDO, 25.01.2008)

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