Des Dackels großes Geschäft

28. Jänner 2008, 18:25
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Deutscher Gangsta-Rap: Brutal, dumm - Eine Analyse aus Anlass eines Anschlags auf Wasiem Taha alias Massiv

Jetzt ist er möglicherweise zum ersten Mal tatsächlich "krass echt" oder, wie die US-amerikanischen Vorbilder sagen, "real" – und dann glaubt man ihm nicht. Wasiem Taha, einer beschränkten Welt als deutscher Gangsta-Rapper Massiv bekannt, ist vergangene Woche im Berliner Stadtteil Neukölln angeschossen worden.

Mehrere Kugeln sind auf den in Rheinland Pfalz geborenen Sohn palästinensischer Eltern abgefeuert worden, der sich anscheinend aufgrund eines verschärften Muskelaufbauprogrammes, an dem nicht nur Hanteleisen beteiligt sein dürften, Massiv nennt. Mirakulöserweise wurde das Bröckerl nur leicht verletzt, die Täter entkamen.

Weil dieser Anschlag gar so harmlos ausfiel, schließt die Polizei einen bizarren Marketing-Gag nicht aus: Eine derartige Inszenierung zwei Wochen vor Erscheinen des ersten Massiv-Albums beim Major Sony BMG scheint man dem deutschen Gangsta-Rap durchaus zuzutrauen.

Immerhin steht ein Großteil dieser Szene in Beziehung mit der Unterwelt und/oder hat eine Vergangenheit als Kleinkrimineller. Das deutsche Landeskriminalamt spricht von mafiosen (Familien-)Clans, aus denen die Rapper kommen: Nach außen geschlossen, nach innen mit "Ehrenkodex" eng verbunden. Bislang wurde Abkömmlingen oder Konkurrenten via Musik ausgerichtet, was ihnen blühe, würden sich die Wege der Kontrahenten kreuzen. Die Schüsse auf Massiv könnten eine "neue Qualität" der Auseinandersetzung einläuten, befürchtet die Polizei.

Gleichzeitig ist diese "Qualität" Wasser auf die Mühlen jener, die in Deutschland und hierzulande härteres Vorgehen gegen jugendliche Gewalt fordern. Stichwort Erziehungs-Camp. Deutscher Gangsta-Rap gilt jenen als "Soundtrack" zur dieser Gewalt – mit allen Unschärfen, die diese Einschätzung birgt. Immerhin werden teilweise Alben im sechsstelligen Bereich verkauft. Diese Zahl lässt sich nicht auf die der angezeigten Delikte umlegen.

Zu den erfolgreichsten Vertretern des Genres zählt Bushido, der 2005 mit seinem Leibwächter einen Linzer krankenhausreif geschlagen hatte. Längst wird der als Anis Mohamed Youssef Ferchichi geborene Rapper auch im Bravo abgefeiert, worunter das Image leidet. Er begann seine Rap-Karriere wie seine Kollegen Fler, B-Tight oder Sido bei dem 2001 gegründeten Label Aggro Berlin, dass sich an US-amerikanischen Vorbildern orientiert, wo Gangsta-Rap mit Acts wie N.W.A. oder Ice T. vor gut zwanzig Jahren entstand.

Bushido und Co transformieren den rauen Alltag der US-Ghettos in die Randbezirke deutscher Großstädte, allen voran Berlin. Während in den USA neben dem Zorn auf das "System" (berühmt: "Fuck Tha Police", N.W.A., 1988) auch an der Verfeinerung der Synkopen des Funk gearbeitet wurde, um eine "Message" mit entsprechendem ästhetischem "Flow" zu verbreiten, arbeitet deutscher Gangsta-Rap mit großem Erfolg an der Verkümmerung der Sprache, die eine einfallsarme und bescheidene Musik begleitet. Aufzeichnungen aus der Unterschicht. Sozial verwahrlost und chancenlos dem Aufschwung hinten nach.

Die Texte sind dumm wie des Dackels großes Geschäft und bersten vor Frauenfeindlichkeit und Ausgrenzungs-Propaganda: Alles wird gefickt, damit man selbst nicht gefickt wird. Frauen sind "Schlampen" – Ausnahme: "Mudda". Homosexuelle gelten als "Untermenschen" und werden als "Freiwild" offen bedroht. Derlei "Kunstwerke", nicht selten gepaart mit platten Nazi-Anspielungen ("Schwarz-Rot-Gold, hart und stolz", Fler), werden von der deutschen "Prüfstelle für jugendgefährdende Medien" regelmäßig und einst oft zum Erstaunen ihrer Schöpfer indiziert. Mittlerweile gilt die Indizierung als Adelsprädikat für den gestammelten Schrott.

So pervertiert der deutsche Gangsta-Rap, dessen Protagonisten oft aus der zweiten Einwanderergeneration stammen (Massiv, Bushido, Tony D ...) immer weiter das eigentliche Wesen des HipHop.

Diese wenigstens für kurze Zeit als für Benachteiligte offenes System betrachtete Kunstform, die sich als soziale Gegenrealität verstanden und versucht hatte, formulierte einst mit anderen, neuen Mitteln den gerechten Zorn gegen Ungleichheit in Tradition der US-Bürgerrechtsbewegung der 60er-Jahre.

Zwar gibt es auch im US-HipHop "Battles", Schlachten, bei denen man sich gegenseitig Geringschätzung ausrichtet. Dabei geht es aber immer auch um die Kunstfertigkeit der Sprache. Etwas, das man der deutschen Version bei bestem Willen nicht unterstellen kann. Hier wird grob und plump geklotzt, statt sich gegen "die Mächtigen" zu richten, wird nach unten getreten.

Befördert wird das Genre zusehends von einer verzweifelten Musikindustrie, die monetäre Hoffnungen in derlei Auswürfe setzt. Demnächst veröffentlicht Fler – der Name ist in Österreich besonders passend! – via Universal seine CD Fremd im eigenen Land, Massiv stellt "Ein Mann Ein Wort" in die Läden. Womit die Industrie Geld macht, ist ihr längst egal. Das sieht auch Rapper D-Irie vom Label ShokMuzik so: "Ich will Geld verdienen. Der Untergrund bietet dir ne' Einzimmerwohnung mit gebrochenen (sic!) Rohr im Klo und was weiß ich für'n Scheiß. Darauf habe ich keinen Bock!" (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.1.2008)

  • Wortreich sprachlos: der Gangsta-Rapper Massiv.
    foto: sonybmg

    Wortreich sprachlos: der Gangsta-Rapper Massiv.

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