Die Qual der großen Wahl

25. Jänner 2008, 16:09
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Verhütung soll hundert­prozentig sicher, leicht anwendbar, neben­wirkungsfrei und billig sein - Und auch noch vor Krank­heiten schützen - Alles zusammen schafft keines

derStandard.at: Ein Drittel aller Schwangerschaften entsteht angeblich durch Anwendungsfehler in der Verhütungsmethode. Sind die Österreicher nach wie vor schlecht informiert, wenn es um Verhütung geht?

Huber: Man muss immer noch besser informieren. Faktum ist, dass eine Pille häufiger vergessen wird, als man glaubt. Fairerweise muss man aber auch erwähnen, dass die Sicherheit der Pille auch durch Durchfälle und Erbrechen herabsetzt werden kann. Die Gesellschaft für Familienplanung bemüht sich unter anderem die Bevölkerung über Themen wie Verhütungsmethoden aufzuklären.

derStandard.at: Hormonell, chemisch, mechanisch, Frau oder Mann. Welches Verhütungsmittel passt für wen?

Huber: Die letzte Entscheidung trifft natürlich immer das Paar. Die Aufgabe des Mediziners ist es, Vor- und Nachteile der einzelnen Methoden zu erklären. Nicht jeder ist für ein und dasselbe Verhütungsmittel geeignet. Beispielsweise werde ich einer Frau die unter Akne leidet, eine Pille empfehlen, die zusätzlich zum Empfängnisschutz auch die Hautproblematik verringert. Einer Frau mit Blutgerinnungsstörungen und Bluthochdruck werde ich eher ein mechanisches Verhütungsmittel empfehlen. Hat ein Paar die Familienplanung bereits abgeschlossen, dann kann man auch an eine Tubenunterbindung der Frau oder an eine Unterbindung des Samenganges beim Mann denken. Kein Verhütungsmittel eignet sich für jeden.

derStandard.at: Wie sieht die Verhütungsrangliste der Österreicher aus?

Huber: Nach wie vor ist die Pille die häufigste Form der Empfängnisverhütung. Die Gründe sind einfach: Ihre Einnahme ist unkompliziert, sie bietet einen sehr guten Empfängnisschutz und man kann jederzeit damit anfangen beziehungsweise aufhören. Da die Pille eine Hormonbehandlung ist, wird sie immer wieder verteufelt. Dabei überwiegen bei richtiger Anwendung unbestritten die Vorteile. Ich behaupte sogar, dass die Pille wesentlich zur Emanzipation der Frau beigetragen hat. Denn sie bietet der Frau die Möglichkeit die Familienplanung selbst in die Hand zu nehmen.

derStandard.at: Die Pille kennt jeder. Die Auswahl ist mittlerweile groß. Was macht es für einen Unterschied welche Pille man einnimmt?

Huber: Jede Pille besteht aus zwei Teilen: Dem künstlichen Östrogen und einem Gestagen. Das künstliche Östrogen Ethinylestradiol ist in jeder Pille ident. Sie unterscheidet sich nur in der Dosis, die enthalten ist. Frauen, die sehr sensitiv auf Östrogen reagieren, empfehle ich eine Pille mit wenig Östrogen. Hat eine Frau starke Zyklusproblem, dann biete ich ihr eine Pille mit mehr Östrogengehalt an. Die zweite Komponente, das Gestagen ist nicht in jeder Pille gleich. Hier gibt es sehr viele verschiedene sogenannte Gelbkörperhormone, mit unterschiedlichen zusätzlichen Wirkungen. Manche Gestagene wirken diuretisch, das heißt, sie entfernen Wasser aus dem Körper. Andere wiederum eignen sich gut bei bestehenden Hautproblemen.

derStandard.at: Aber es gibt doch auch rein gestagenhältige Pillen.

Huber: Das stimmt. Allerdings ist hier die Auswahl geringer, da ihre Sicherheit nicht so groß ist wie bei den konventionellen Kombinationspillen, in denen beide Bestandteile enthalten sind.

derStandard.at: Ist das die Mini-Pille?

Huber: Ja, hier ist es wichtig, dass die Pille täglich zum gleichen Zeitpunkt eingenommen wird. Sonst sinkt die Sicherheit dramatisch.

derStandard.at: Der Unterschied zwischen Mini- und Mikropille liegt also ausschließlich in der Zusammensetzung?

Huber: Mikro bezieht sich auf die Ethinylestradioldosis. Mikropillen enthalten nie mehr als 30 Mikrogramm Ethinylestradiol. Die Minipille enthält ausschließlich Gestagen.

derStandard.at: Der Zusammenhang Pille und Brustkrebs wird immer wieder diskutiert. Muss man Angst haben an Brustkrebs zu erkranken, wenn man die Pille schluckt?

Huber: Nein. Die einzigen Daten die hier existieren, zeigen, dass sehr junge Frauen die, die Pille einnehmen ein leicht erhöhtes Risiko besitzen an einem Mammakarzinom zu erkranken. Allerdings nur wenn sie familiär belastet sind. Ich empfehle die Pille eher dann, wenn die Frau oder das junge Mädchen, schon einen regelmäßigen Zyklus hat. Wird das junge Mädchen allerdings schwanger und will einen Abbruch, dann ist das Problem ungleich größer.

derStandard.at: Frauen über 30 wird von der Pille oft abgeraten. Warum? Muss man für die Pille jung sein?

Huber: Nein, aber man darf keine oder kaum Risikofaktoren haben. Am bekanntesten ist die Tatsache, dass Frauen die, die Pille als Verhütungsmittel verwenden, nicht rauchen sollten. Je älter man wird desto mehr summieren sich die bestehenden Risikofaktoren, davon abgesehen, dass der Alterungsprozess per se ein Risikofaktor ist.

derStandard.at: Aber dann wäre eine rein gestagenhältige Pille doch von Vorteil, denn das Risiko ein Blutgerinnsel zu bekommen hängt doch vor allem mit dem Östrogenanteil zusammen.

Huber: Stimmt, aber für Frauen über 40 ist die Spirale ebenfalls eine gute Option, um zu verhüten.

derStandard.at: Hormonspirale oder Silberspirale?

Huber: Die Hormonspirale macht nur dann Sinn, wenn man zusätzlich zur Kontrazeption andere Dinge, die sich in der Gebärmutter ereignen, beheben oder verbessern will. Beispielsweise eignet sich die Hormonspirale für Frauen die aufgrund einer Endometriose in der Gebärmutter unter starken Blutungen und Schmerzen leiden. Das Gestagen der Hormonspirale verödet mehr oder weniger die Gebärmutterschleimhaut und reduziert die Beschwerden.

derStandard.at: In der Hormonspirale ist immer nur Gestagen und kein Östrogen enthalten?

Huber: Ja, die Hormonspirale enthält ausschließlich Gestagen enthalten. Ich halte die Hormonspirale nur dann für sinnvoll, wenn man mit Hilfe des Gestagens Probleme in der Gebärmutter oder in Gebärmutternähe lösen möchte. Sonst halte ich diese Doppelbelastung, Fremdkörper und Hormon für überflüssig. Dazu kommt, dass Hormonspiralen teuer sind.

derStandard.at: Warum wird die Spirale immer erst nach einer Schwangerschaft empfohlen?

Huber: Theoretisch wäre es auch vor einer Schwangerschaft möglich. Jedoch kann durch die Spirale eine Entzündung entstehen, die in seltenen Fällen auch zu einem Verschluss der Eileiter führen kann. Da man dieses Risiko zur Gänze ausschließen will, empfiehlt man Frauen die Spirale erst nach einer Schwangerschaft. Dazu kommt, dass nach einer Schwangerschaft das Einsetzen der Spirale wesentlich leichter und damit weniger unangenehm für die Frau ist.

derStandard.at: Was macht das Einsetzen der Spirale schmerzhaft beziehungsweise unangenehm?

Huber: Wenn man die Spirale während der Menstruation einsetzt, hat die Frau ohnehin Schmerzen. Der Zeitpunkt um einen Fremdkörper einzusetzen ist dann denkbar schlecht gewählt. Idealerweise setzt man die Spirale während des Eisprungs ein. Da ist der Muttermund weit, und das Einführen der Spirale ist einfach und schmerzlos.

derStandard.at: Und warum spüren manche Frauen hinterher die Spirale permanent und andere nicht?

Huber: Das hängt unter Umständen ebenfalls mit dem Einsetzen der Spirale zusammen. Während der Menstruation ist die Gebärmutter kontrahiert. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Spirale im Anschluss verschiebt. Am ruhigsten verhält sich die Gebärmutter während dem Eisprung, denn da wartet sie darauf, dass sich ein Baby einnistet. Natürlich gibt es aber auch genetische Unterschiede. Wenn eine Frau in der Vergangenheit viele Schmerzen hatte, dann sind in der Gebärmutter schmerzbedingt viele Nerven gewachsen. Diesen Aspekt halte ich für sehr interessant, leider wird er aber zu wenig beachtet. Die vermehrten Nerven machen das gesamte Organ sensitiver.

derStandard.at: Was kann das Hormonpflaster was die Pille nicht kann?

Huber: Das Hormonpflaster hat zwei Vorteile: Für Frauen, die zu Durchfall und Erbrechen neigen, ist das Pflaster ideal, denn es ist unabhängig Beschwerden im Magen-Darm-Trakt. Ein zweiter großer Vorteil ist, man darf es auch einmal vergessen. Das Hormonpflaster wechselt man nur einmal wöchentlich. Tut man das einen Tag verspätet, ist es auch kein Problem. Insgesamt muss man das Pflaster nur dreimal pro Monat wechseln.

derStandard.at: Wenn die Vorteile so offensichtlich sind, warum entscheiden sich dann nicht mehr Österreicher für diese Form der Verhütung?

Huber: Manche Frauen, empfinden es als unangenehm, dass das Verhütungsmittel sichtbar wird, sobald sie sich ausziehen.

derStandard.at: Chemische Verhütungsmittel wie beispielsweise Schaumzäpfchen gelten nicht als besonders sicher. Worin besteht Ihr Vorteil?

Huber: An Tagen, an denen das Risiko schwanger zu werden ohnehin gering ist, bieten chemische Verhütungsmittel eine Möglichkeit das Restrisiko noch weiter zu reduzieren. Diese Frauen wollen nicht täglich die Pille schlucken, wenn Kontrazeption nur an manchen Tagen erforderlich ist.

derStandard.at: Aber bieten sich da nicht auch mechanische Varianten an?

Huber: Sie sind als Alternative auf jeden Fall geeignet.

derStandard.at: Wann kommt die Pille für den Mann?

Huber: Darauf kann man derzeit zwar hoffen. Die Erklärung warum es die Pille für den Mann nicht schon längst gibt, ist einfach. Das Hormon- und das Reproduktionssystem des Mannes ist primitiv. Je einfacher ein System ist, umso schwerer ist es zu stören. Je differenzierter ein System ist, umso anfälliger ist es für Störungen. Das Hormon- und Reproduktionssystem der Frau ist viel komplizierter und deswegen kann man leichter intervenieren.

derStandard.at: Wie sieht das Verhütungsmittel der Zukunft aus?

Huber: Die Pille für den Mann wäre schon interessant. Und Pillen, die natürliches Östrogen enthalten. Denkbar wären auch Pillen, die mit Stoffen wie Folsäure oder Isoflavonen kombiniert sind.

derStandard.at: Was ist der Pearl-Index?

Huber: Das ist ein Sicherheitsindex. Die Anzahl der ungewollten Schwangerschaften die in einem definierten Lebenszeitraum einer Frau entstehen, wenn sie die Pille oder eine andere Form der Empfängnisverhütung macht. Mit dem Pearl-Index lässt sich die Zuverlässigkeit von Methoden der Empfängnisverhütung angeben. Je höher der Index, desto unsicherer die Methode.

derStandard.at: Was halten Sie von dem neu eröffneten Verhütungsmuseum?

Huber: Viel. Ich würde aber anregen, dass man junge Menschen darüber aufklärt, dass Sexualität nicht nur mit Verhütung zu tun hat, sondern eine besondere Form der menschlichen Kommunikation ist. Es reicht daher nicht aus zu wissen, wie man ein Kondom über den erigierten Penis stülpt. (derStandard.at/Regina Philipp)

  • Johannes Huber, Leiter der Klinischen Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Sterilitätsbehandlung an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Wien
    foto: standard/r.newald

    Johannes Huber, Leiter der Klinischen Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Sterilitätsbehandlung an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Wien

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