"Ein anderer Ort" von Amos Oz

24. Jänner 2008, 17:34
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Bedrohung und ein Hauch Ironie, Israels Kibbuz-Utopien, das Jahr 1966, die Alten und die Jungen

Kibbuz, das war ein Traum, der für Israel stand. Kibbuz Mezudat Ram steht irgendwo im Norden Israels, an einer Grenze, egal welcher, denn es sind die Sechzigerjahre, und alle Grenzen sind feindlich. Der Kibbuz ist bedroht so wie das ganze Land, auf latente Weise, die über der Geschichte liegt wie ein leichter dunkler Schleier.

Die Geschichte wiederum, die Amos Oz erzählt, ist eigentlich keine Geschichte, sondern ein kurzer, wie zufällig gewählter Ausschnitt im Leben der Kibbuzniks, der auch anders hätte sein können. Denn Zwangsläufigkeit gibt es nicht, der Kibbuz ist noch jung, er ist wie das Land, eigentlich anderswo, eben ein Traum. Sein sozialistischer Grundgedanke, den die älteren Bewohner in sich tragen, wird gerade vom Hedonismus, vom aufkeimenden Militarismus und schlichter Lebenslust der Jüngeren infrage gestellt.

Da sind die Alten, der Dichter, der Gärtner, die Witwe. Die Gründer, die ihre alte Heimat verlassen haben und in der neuen nicht wirklich angekommen sind, vor allem jene, die der anonyme Erzähler als Geistesmenschen bezeichnet. Sie haben Sehnsucht nach einer Welt, die nicht mehr existiert. Da ist die Jugend, barfüßig und stark, die liebt und hasst und eigene Kinder bekommt und dennoch von den Mythen der Alten nie ganz frei sein wird. Bei ihr ist es die verlorene Mutter; bei ihm der tote Vater.

Und da ist schließlich der Tatmensch, der Lastwagenfahrer, der neue Israeli, schlicht und bodenständig, der eigentlich einer von den alten ist und einer, der wohl überall auf der Welt seinen Platz finden würde, weil er nicht gegen sie kämpft, sondern sich auf ihre Fehler eingelassen hat. Denn er begeht Fehler wie alle. Aber er kommt am besten damit zurecht.

Es war im Jahr 1966, als Amos Oz mit 27 Jahren diesen, seinen ersten Roman veröffentlichte. Der Sechs-Tage-Krieg, der Israel in die Rolle des Davids gegen Goliath rückte und das Land dabei endgültig seiner Unschuld beraubte, stand Israel noch bevor. Aber alle Zeichen der großen Veränderung in der nationalen Psyche, die diesem Krieg folgte, scheinen schon auf in "Ein anderer Ort": Die Zerrissenheit, die Selbstzweifel, die Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung von draußen, Wut, Hass, und, ja, Normalität. Denn die Zeit der Pioniere ist vorbei, die Verlockungen der Städte und der Fremde werden stärker.

Amos Oz, der selbst Jahrzehnte im Kibbuz lebte, weiß das genau, deshalb hängt über seiner Geschichte neben der Bedrohung auch ein Hauch Ironie. Als wollte er sagen, euer Leben mag, für einen kurzen Moment, außerordentlich gewesen sein, aber nun seid ihr ein Teil der Wirklichkeit geworden, mit allen menschlichen Kleinheiten und Schwächen. Denn Theodor Herzls neues altes Land, das gibt es hier schon nicht mehr. (Petra Steinberger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.1.2008)

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