Suppe? Fuck no! - Musik gegen die Eltern: "The Bedlam in Goliath"

3. Februar 2008, 19:45
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Der hysterische Prog-Punk von The Mars Volta ist möglicherweise eine der letzten Waffen der Jugend gegen die Toleranz ihrer Erzeuger

... - und schon deshalb gut und wichtig.


Schon nach wenigen Sekunden, die man in das neue Album von The Mars Volta reinhört, erklärt sich das Wort "Bedlam" - Tumult - im Titel wie von selbst. The Bedlam in Goliath heißt dieses Album mit ganzem Namen, und es ist ein Werk des ausufernden Irrsinns. Es klingt ein wenig so, als wäre jemand auf die Idee gekommen, eine Atari-Teenage-Riot-Coverband zu gründen, um den technoiden Noise-Punk von Alec Empire und seinen Mitstreitern mittels traditionellem Bandkonzept nachzustellen - und das blöderweise mit Erfolg!

Wer sich schon nicht imstande sieht, Atari Teenage Riot zu hören - und dafür gibt es einige sehr nachvollziehbare Argumente -, kann bei The Mars Volta auch eher mit physischem Unbehagen und entsprechenden Ablehnungsreaktionen rechnen. Von wegen: Mach den Scheiß aus, das hält ja kein Mensch aus! Und man muss kein Oldtimer sein, der im Kirchenchor singt, um eine derartige Reaktion nachvollziehen zu können. Fakt ist: The Mars Volta nerven. Und zwar gewaltig. Und aus dieser Gewalt, aus dieser Macht erwächst das Verführungspotenzial dieses Abkömmlings der auch schon nicht ganz waffenscheinpflichtfreien US-Band At the Drive-In, die sich 2001 zugunsten von The Mars Volta und Sparta auflöste. Aber man muss sich eben darauf einlassen - können.

The Mars Volta, das sind aktuell die acht hübschen Jungs da oben um die beiden Bandgründer Cedric Bixler-Zavala und Omar Alfredo Rodriguez-Lopez - da ist der mit der 1974er-Glam-Rock-Frisur und der im Sakko und mit Brille. Bedlahm in Goliath ist das vierte Studioalbum, nebst einigen EPs und Singles, mit denen sich die Band ein Profil erspielt hat, das entweder fanatische Zuneigung oder kopfschüttelnde Ablehnung erlaubt. Dazwischen scheint nicht viel Platz zu sein - auch wenn The Mars Volta durchaus imstande sind, in raren Momenten auch vergleichsweise konventionelle, hübsche Songs zu spielen. Aber das ist nicht ihr eigentliches Anliegen.

The Mars Volta spielen Prog-Rock mit den Mitteln des Punk. Das klingt anachronistisch. Immerhin war ja Punk ursprünglich als Gegengift zu den immer fader werdenden und diese Langeweile akademisch und/oder mit eitler Virtuosität kaschierenden Rock- und Pop-Dinosauriern gedacht gewesen. Cedric Bixler-Zavala, Omar Alfredo Rodriguez-Lopez und Co spielen wie der alte "Feind" üppige und ausufernde Kompositionen, verwenden wie ehedem schmierige Synthesizer und neigen zu Konzeptalben. Doch all diese Zutaten werden mittels Punk hysterisch komprimiert. Hysterisch ist auch das Stichwort für Bixler-Zavalas Gesang, der hier wieder klingt, als würde jemand eine Schallplatte statt auf 33 auf 45 Runden pro Minute abspielen. Also Micky-Mouse-Prog-Punk-Oberton-Gesang im Einzugsgebiet akuter Kastrationsangst.

Rasanz und Dynamik bezieht man aus abenteuerlich gesetzten Breaks, in denen sich die Band stellenweise auch menschenfreundlich gibt - kurz. Live überschreitet das jedenfalls gerne und hingebungsvoll die Grenze zur Ekstase. Unterstützung erfährt The Mars Volta wieder von Fan John Frusciante, seines Zeichens Jimi Hendrix der Red Hot Chili Peppers, der sich hier psychedelischen Gitarrenläufen bis hinaus zu den Ringen des Saturns hingeben darf.

Anstrengend? Oh ja, aber möglicherweise eine der letzten Bastionen jugendlicher Aufsässigkeit. Das hier taugt definitiv als Musik gegen die Elterngeneration. Selten zuvor wurde Muttis Suppe derartig nachdrücklich abgelehnt! (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.1.2008)

  • Diese Jungs stehen gewaltig unter Druck. Auf "The   Bedlam in Goliath" legen sie los: The Mars Volta!
    foto: universal

    Diese Jungs stehen gewaltig unter Druck. Auf "The Bedlam in Goliath" legen sie los: The Mars Volta!

  • The Mars Volta: "The Bedlam in Goliath" (Universal)
    foto: universal

    The Mars Volta: "The Bedlam in Goliath" (Universal)

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