Gute Figur machen

24. Jänner 2008, 17:00
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Birgit und Claus Hartmann sind die weltweit einzigen professionellen Schnitzer von Galionsfiguren und lassen so eine maritime Tradition wiederauferstehen

Heißhungrig frisst sich die Motorsäge durch einen Holzblock, Splitter fliegen durch die Luft. Staub breitet sich aus, schleicht in jede Ritze des Raumes. Zum Schutz trägt Claus Hartmann eine Maske vor dem Gesicht. Seine Frau Birgit hobelt an der Nase einer riesigen Frau aus hellem Holz. Ihre Hand bewegt sich mit feinen Bewegungen über den Nasenrücken der Hünin, die bald schon die Weltmeere bereisen wird.

"Mit 14 Jahren habe ich einen Artikel über die angeblich letzten Galionsfigurenschnitzer in England gelesen. Das hat mich nicht mehr losgelassen", erzählt Claus Hartmann, 50 Jahre alt. Er lächelt. Die Begeisterung für Maritimes hat Familientradition. Seine Urgroßeltern waren Seeleute, der Opa sammelte Nautiquitäten von der Haifisch-Harpune bis zur Galionsfigur. Sein Vater, hauptberuflich Architekt, restaurierte die Fundstücke in seiner Freizeit.

Gorch Fock

Inzwischen tragen fast alle großen Segler die Figuren des Ehepaars aus Schwanewede in der Nähe von Bremen. Aus ihren Händen stammen unter anderem die Galionsfiguren am längsten Segelschiff der Welt und der goldene Adler am berühmten deutschen Segelschulschiff Gorch Fock. Ihre Kunden kommen aus Monaco, Südfrankreich, der Karibik und der Russischen Föderation.

Bevor Claus Hartmann seine erste Skulptur entwarf, probierte er einiges: studierte Biologie, brach ab, machte eine Ausbildung zum Heilpraktiker und absolvierte ein Medizinstudium. Währenddessen ist er seiner wahren Leidenschaft, der Kunst, immer treu geblieben. "Ich wollte zuerst einmal etwas Seriöses lernen. Letztlich hat es nicht viel gebracht, ich bin dann ja doch Berufskünstler geworden", sagt Claus Hartmann. Wieder lacht er. Noch während seines Studiums beschloss er, nur noch mit der Kunst Geld zu verdienen. Zusammen mit seiner Frau Birgit, die er 1994 kennenlernte.

"20 Prozent sind Kreativ-, der Rest ist Fleiß- und Staubarbeit", beschreibt Birgit Hartmann den Knochenjob Galionsschnitzerei. Die Figuren sind zum Teil vier Meter lang, so wie die Peace, eine weiße Frau mit langen Haaren, die eine Taube vor ihrem Oberkörper in den Händen hält. "Definitiv keine Selbsterfüllungskunst", ergänzt ihr Mann.

Klassische Deerns

Rund drei Monate braucht das Paar, um eine Figur von der Anfertigung einer Vorlage bis zur Umsetzung fertigzustellen. Eine bestimmte Stilrichtung gibt es dabei nicht. Hartmanns orientieren sich an der Gegenwart, spielen auch mit so gar nicht traditionellen Materialien wie Edelstahl. Pragmatisch geht es bei der Absprache mit den Kunden zu: "Früher gab es nur klassische Deerns (plattdeutsch für Mädchen). Moderne Schiffe brauchen allerdings moderne Figuren. Aber wenn ein Kunde etwas Traditionelles will, bekommt er das auch", sagt Birgit Hartmann, eine große, schlanke Frau mit langen, schwarzen Haaren und dunklen Augen. Sie würde sich selbst tadellos als Vorlage für eine Galionsfigur eignen.

Den Auftrag für die allererste Galionsfigur verdankt Claus Hartmann seiner Heimatstadt Elsfleht nördlich von Bremen. 1994 schlug Hartmann dem benachbarten Kapitän des Seglers Großherzogin Elisabeth vor, das Schiff mit einer Figur zu schmücken. Der willigte ein, und noch bevor Hartmann mit dem Auftrag Nummer ein loslegte, folgte bereits der nächste: Ein Reeder hatte von ihm gehört und beauftragte ihn mit der Lili Marleen. "Wir haben genau genommen den Markt für Galionsfiguren geschaffen", sagt Claus Hartmann. "Es gab niemanden mehr, der solche Figuren herstellte - aber auch niemanden, der sie haben wollte. Das mussten wir den Leuten erst schmackhaft machen. Und dann hatten wir plötzlich gleich zwei Aufträge auf einmal", sagt er.

Von jeher schmücken Seeleute ihre Schiffe mit glückbringenden Figuren, die Schiff und Besatzung beschützen sollen. Ein Brauch, der fast in Vergessenheit geriet und erst mit dem Neubau von riesigen Segelschiffen und der Arbeit von den Hartmanns wiederbelebt wurde. Seitdem haben die beiden rund 75 Galionsfiguren und Skulpturen angefertigt, darunter auch eine für das Segelschiff Fridtjof Nansen, das ein Inuit ziert, geschnitzt aus einem Ulmenstamm. In der Hand trägt er eine Harpune, ihre Spitze ist aus echtem Knochen gefertigt. Die Hartmanns schnitzten eine Frau für den Segler Peace und auch das größte Segelschiff der Welt, die Royal Klipper, ziert eine ihrer Figuren.

Barbusige Nixe mit wallendem Haar

Seit einiger Zeit hat Birgit Hartmann das Angebot von "Hartmann Maritime Art & Design" um Yacht-Interieur erweitert. Auf den Millimeter genau stattet die 34-Jährige Yachten mit ihren Werken, etwa Pixelbildern, aus. Neuestes Vorhaben der beiden: moderne Yachten mit Edelstahlfiguren verschönern. Ein Prototyp, eine barbusige Nixe mit wallendem Haar, steht auf Hochglanz poliert im Wohnzimmer der Familie. Sie kostet um die 50.000 Euro - und ist der einzige erhältliche Hinweis auf den profitablen Schnitzerjob.

Die Hartmanns sind bescheiden geblieben, leben in einem alten, ausgebauten Bauernhaus mit ihren zwei Kindern. Mit Blick auf die Weser, rustikal, bodenständig. Ein Leben, wie sie es von Schiffstaufen und Yachtwerften kennen, maritimer Glitzer und Glamour, wäre nichts für die Hartmanns. "Das ginge auch gar nicht", sagt Claus Hartmann grinsend, "meine Frau wird schnell seekrank, und ich habe noch nicht mal einen Segelschein." (Bianca Gerlach/Der Standard/rondo/25/01/2008)

  • Nautiquitäten...
    foto: hersteller

    Nautiquitäten...

  • ...bei den Schnitzern Birgit und Claus Hartmann...
    foto: hersteller

    ...bei den Schnitzern Birgit und Claus Hartmann...

  • ...und ihre Inuit-Galionsfigur am Bug der Fridtjof Nansen.
    foto: hersteller

    ...und ihre Inuit-Galionsfigur am Bug der Fridtjof Nansen.

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