Warum weinen Menschen? Woher kommt die vermehrte Augenflüssigkeit bei Traurigkeit? Weil...
...die Emotion sich Bahn bricht, oder weil man ständig irgendwelchen Bildern ausgesetzt ist? Auf Verpackungen, Plakaten, Leibchen, Klopapierrollen, Autos, von überall wird einem eine Botschaft suggeriert. Im Jahr der EURO ist damit zu rechnen, dass bald alles mit Fußbällen und Spielern zugepflastert ist.
Mir hat sich ein Plakat ins Aug gebohrt, ich habe es nur im Vorbeifahren gesehen, wo Andreas Ivanschitz die Arme in die Höhe reißt und jubelt. Was für ein seltenes, ungewohntes Bild. Noch komischer aber ist, dass in seinem Rücken Ronaldinho steht und breitmaulfroschig grinst. Was macht da dieser Brasilianer mit den Pferdezähnen, noch dazu im Barcelona-Shirt? Der darf doch bei der EURO gar nicht spielen, schon überhaupt nicht gegen Österreich. Oder soll er so etwas wie die Muse, der Schutzengel für den Österreicher sein? Vielleicht jubelt Ivanschitz auch gar nicht, sondern reißt aus Verzweiflung beide Arme hoch und tobt? Vielleicht, weil er bei der EURO zusehen muss wie Ronaldinho? Oder weil der Fußball in Österreich derart marode ist?
Es kommt kaum einmal vor, dass Spieler gegnerischer Teams gleichzeitig jubeln. Mir fällt da nur die Durchsage des Platzsprechers ein, wenn er das Ergebnis einer Parallelpartie verkündet, welches beiden Teams den Aufstieg sichert. Man hat ein Resultat erspielt, das beiden hilft. Oder, in Österreich wahrscheinlicher, weil sich ein Konkurrent auflöst. Möglichkeiten, die mit dem Spiel selbst nicht viel zu tun haben.
Aber das Plakat bezieht sich gar nicht auf die EURO, sondern bewirbt ein neues Playstation-Spiel, wo man vielleicht sogar mit Österreich Europameister werden kann. Man entscheidet sich für eine Mannschaft und spielt damit. So scheinen auch die Präsidenten der heimischen Fußballvereine zu denken, die mit Vereins-lizenzen schachern wie mit Grundstücken beim DKT.
Wissen Sie, wie viele Ortsnamen es in Österreich mit Tieren gibt? Bärnbach, Eberschwang, Würmla, Wolfgangsee, Käfermarkt, Fischamend, Regau, Hühnergschrei, Lambach und natürlich Schwanenstadt. Nur einen Namen gibt es nicht: Eselburg. Da aber müssten alle Präsidenten hin, die glauben, Fußballvereine ließen sich beliebig verschieben und verschachern - oder vor die Playstation.
Die Iris eines Auges ist ein kleiner Schließmuskel - da gleicht sie manchem Präsidenten. Denn wenn die Vereinsverpflanzung und Fan-Pflanzerei so weitergeht, wird es bald eine eigene Meisterschaft aller Mutanten geben - einfach nur zum Heulen. (Franzobel; DER STANDARD PRINTAUSGABE, 15.1. 2008)