Über die Ungerechtigkeit

Redaktion, 22. Jänner 2008, 19:24

Im Zentrum von Buenos Aires gibt es ein unscheinbares Parkstück...

...das sich von anderen Grünflächen dieser Art nur unterscheidet, weil es einen eigenen Aufräumer besitzt. Jeden Abend nämlich kommt ein sportlich gekleideter Mann mittleren Alters, das Parkstück von Unrat zu reinigen. Er zupft das Unkraut aus, sammelt gefallene Blätter, Zweige, wirft sie in den Mistkübel. Vielleicht ein Spinner oder einer, der in dieser ministrierenden Ordnungsmacherei Sinn gefunden hat? Vorgestern jedenfalls, gerade als er fertig war, sich noch einmal umdrehte, stolz seine Arbeit zu besehen, kam, rausgeschmissen wie zum Hohn aus einer vorbeifahrenden Limousine, ein Papierschnitzelregen, kippte ungeniert nur ein paar Meter weiter ein anderer seinen Aschenbecher in die Wiese. Ungerecht?

Ungerecht ist auch der Sport manchmal, wenn in der Nachspielzeit dem Gegner noch ein Tor gelingt, der Schiedsrichter ein Foul nicht sieht, der Wind sich dreht, ein Streckenposten irritiert, das Material nicht hält. Gerade im Sport, der per se gerecht und objektiv sein will, offenbart sich die Natur, und die ist wild und ungerecht. Trotz aller Videoüberwachung, Dopingkommissionen, nachträglicher Sperren bleibt immer noch ein Willkürrest - und das ist gut.

Der menschliche Geist hat die Natur stets angefeindet, fast bekriegt. Voltaire etwa hat sich im Namen der Vernunft gegen das Erdbeben in Lissabon (1755) echauffiert, wollte diesen Unfug der Natur partout nicht akzeptieren. Im Mittelalter ist es noch hübscher zugegangen, hat man nach Missernten und Plagen Prozesse nach kanonischem Recht gegen Maikäfer, Heuschrecken oder Ratten angestrengt.

Die Historie selbst ist eine einzige Abfolge von Ungerechtigkeiten, immer hat man sich barbarisch im Namen irgendwelcher Götter oder Rechte an Unschuldigen abgeputzt.

Gestern bin ich mit dem Zusammenräumer ins Gespräch gekommen, habe ich ihn gefragt, warum er das denn macht. - Weil ich es schuldig bin, hat er gesagt. Oje, ein Spinner? Doch nein, bald hat sich herausgestellt, dass er während des Meisterschaftsfinales samt seinem Radio eben hier auf diesem Wiesenstück gelegen ist und leichtfertig versprochen hat, eine Saison lang für Ordnung zu sorgen, wenn nur seine Blauweißen nicht absteigen. - Aber? Die Blauweißen sind doch abgestiegen? - Schon, aber wegen einer Fehlentscheidung. Und um zu zeigen, dass ich das nicht akzeptieren kann, sie für mich noch immer in der Ersten sind, erfülle ich mein Gelöbnis trotzdem. Konsequent. (DER STANDARD PRINTAUSGABE 8.1. 2008)

Franzobel, Schriftsteller in Wien, schreibt bis zur und während der EURO wöchentlich im Standard.

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usual suspect
01
22.1.2008, 22:30
:-)

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Trotz aller Videoüberwachung, Dopingkommissionen, nachträglicher Sperren bleibt immer noch ein Willkürrest - und das ist gut.

eben, daher: videobeweis , damit hätte sich der gute diese verdrängungstortur erspart ;-)

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