Linsen und Röhren

29. Februar 2008, 21:00
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Was wäre, um mit Stefan Zweig zu sprechen, die Geschichte der Welt ohne die Sternstunden der Menschheit?

Was wäre, um mit Stefan Zweig zu sprechen, die Geschichte der Welt ohne die Sternstunden der Menschheit? Nichts, ist man versucht zu sagen und erinnert sich an die Ereignisse, die in dieser Form nicht in die Geschichtsbücher Einzug gehalten haben - Miniaturen, die in ihrer Präzision mehr aussagen als die angeblich großen Erzählungen.

"Ich sah Tierchen", konnte man etwa Montagabend eine Stimme vernehmen, während der Kamerablick durch ein Mikroskop fiel. "Eine große Anzahl lebender Kreaturen." Wer sich da zu Wort meldete, war Antonie van Leeuwenhoek, seines Zeichens Tuchhändler im holländischen Delft 1677. Leeuwenhoek, der für die genaue Betrachtung seiner Stoffe immer bessere Vergrößerungsgläser entwickelte, hatte sich, nachdem das Ohrenschmalz eher enttäuschte, das vor die Linse gelegt, "was bei jeder ehelichen Vereinigung zurückbleibt" - und war der erste Mensch, der dem geschäftigen Treiben der Spermien zusehen konnte.

"Sternstunden der Medizin" lautet deshalb auch der Titel jener Dokumentationsreihe auf 3sat, die sich den großen Errungenschaften der Medizingeschichte widmet und dabei immer wieder auf den Zufall jedweden Erfolgs verweist. Und vorzeigt, wie auch in der Naturwissenschaft lustvolle Kreativität den sturen Ehrgeiz besiegen kann.

"Alles Wesentliche, alles Dauernde, geschieht immer nur in den wenigen und seltenen Augenblicken der Inspiration", schreibt Zweig. Kommenden Montag geht es dann um die Entdeckung der Gastroskopie, als 1868 in einer Freiburger Weinstube der Internist Adolf Kussmaul einem Schwertschlucker statt eines Schwertes eine Röhre in den Magen schob. (pek/DER STANDARD; Printausgabe, 23.1.2008)

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    Stefan Zweig.

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