Die schlimmste Krise seit 60 Jahren

29. Februar 2008, 15:57
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Was die derzeitige Finanzkrise komplizierter macht als alle vorangegangenen und welche Möglichkeiten der Gegensteuerung es gäbe - Kommentar der anderen von George Soros

Die aktuelle, durch das Platzen der Immobilienblase in den USA ausgelöste Finanzkrise markiert auch das Ende des Zeitalters der Kreditexpansion, die auf dem Dollar als internationale Reservewährung beruhte. Diese gegenwärtige Krise ist weit gravierender als alle, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auftraten. – Warum? Boom-und-Bust-Prozesse drehen sich üblicherweise um Kredite und sind immer, wie ich erstmals vor 20 Jahren in meinem Buch „Alchemie der Finanzen“ darlegte, mit Verzerrungen und falschen Vorstellungen verbunden – üblicherweise dem Nichterkennen eines reflexiven, zyklischen Zusammenhangs zwischen der Bereitschaft, Geld zu leihen und dem Wert der dafür zur Verfügung gestellten Besicherung. Der jüngste Immobilienboom in den USA ist ein typisches Beispiel dafür.

Dieser größte Superboom der letzten 60 Jahre ist jedoch komplizierter. Jedes Mal, wenn die Kreditexpansion in Schwierigkeiten geriet, intervenierten die Finanzbehörden, pumpten Liquidität in die Wirtschaft und fanden auch andere Wege, sie anzukurbeln. Damit schuf man ein System asymmetrischer Anreize ("moralisches Risiko"), das eine immer größere Kreditexpansion förderte. Das System war so erfolgreich, dass die Menschen an die "Magie des Marktes" zu glauben begannen, wie es Ronald Reagan bezeichnete. Ich sage dazu Marktfundamentalismus.

Marktfundamentalisten glauben, dass Märkte ein Gleichgewicht anstreben und dass dem Allgemeinwohl am besten gedient ist, wenn man den Teilnehmern erlaubt, ihre Eigeninteressen zu verfolgen. Dabei handelt es sich ganz offenkundig um eine falsche Vorstellung, weil es ja die Interventionen der Behörden waren, die den Zusammenbruch der Finanzmärkte verhinderten und nicht die Märkte selbst. Dennoch entwickelte sich der Marktfundamentalismus zur vorherrschenden Ideologie der 1980er Jahre, als die Globalisierung der Finanzmärkte einsetzte und die USA begannen, ein Leistungsbilanzdefizit aufzuweisen. Seit 1980 wurden die Regulierungen schrittweise aufgeweicht, bis sie schließlich gänzlich verschwanden. Die Globalisierung ermöglichte es den USA die Ersparnisse der ganzen Welt aufzusaugen und mehr zu konsumieren als produziert wurde, bis das Leistungsbilanzdefizit im Jahr 2006 einen Wert von 6,2 % des BIP erreichte. Die Finanzmärkte ermutigten die Verbraucher, Geld zu borgen, indem man immer ausgeklügeltere Instrumente und noch großzügigere Bedingungen anbot. Die Behörden unterstützten und begünstigten diesen Prozess, indem man immer eingriff, wenn sich das globale Finanzsystem in Gefahr befand. Der Superboom geriet außer Kontrolle, als die neuen Produkte so kompliziert wurden, dass die Behörden das Risiko nicht mehr berechnen konnten und sich auf die Methoden des Risikomanagements der Banken zu verlassen begannen...

Rezession unausweichlich

Alles was schief gehen konnte, ging dann auch schief. Was mit Subprime-Hypotheken begann, breitete sich auf alle CDO-Schuldverschreibungen aus, brachte Kommunalversicherungen, Hypothekenversicherungen und Rückversicherungsfirmen in Gefahr und drohte, den viele Milliarden Dollar schweren Markt der Credit Default Swaps zu demontieren. Aus dem Engagement der Investmentbanken bei fremdfinanzierten Übernahmen wurden Verbindlichkeiten. Marktneutrale Hedgefonds erwiesen sich als eben nicht marktneutral und mussten Bestände liquidieren. Der Markt forderungsbesicherter Geldmarktpapiere kam zum Erliegen und von den Banken ersonnene Rettungsfonds gelangten nicht mehr an externe Finanzierungen. Der endgültige Schlag kam, als die Kreditvergabe zwischen den Banken unterbrochen war, weil die Banken mit ihren Ressourcen haushalten mussten und ihren Geschäftspartnern nicht mehr vertrauen konnten. Die Zentralbanken mussten beispiellose Geldmengen in das System pumpen und Kreditzusagen auf ein nie dagewesenes Ausmaß an Wertpapieren und auf eine größere Zahl von Institutionen als je zuvor ausweiten.

Bis vor Kurzem hofften die Investoren, dass die Fed alles tun würde, um eine Rezession abzuwenden, weil sie das auch bei früheren Gelegenheiten tat. Jetzt müssen diese Anleger erkennen, dass die Fed dazu möglicherweise nicht mehr in der Lage ist. Bei hohen Preisen für Öl, Nahrungsmittel und anderen Gütern muss sich die Fed auch über Inflation Gedanken machen. Würde man die Zinssätze unter einen gewissen Punkt senken, käme der Dollar erneut unter Druck und die Renditen langfristiger Anleihen würden steigen. Es ist unmöglich diesen Punkt zu definieren, aber wenn er erreicht wird, ist es mit der Fähigkeit der Fed, die Wirtschaft anzukurbeln, vorbei.

Obwohl eine Rezession in den Industrieländern mehr oder weniger unausweichlich ist, bilden China, Indien und manche andere Öl produzierende Länder einen sehr starken Gegentrend. Daher wird die gegenwärtige Finanzkrise wahrscheinlich weniger zu einer weltweiten Rezession als vielmehr zu einer radikalen Neuausrichtung der Weltwirtschaft führen, die mit einer relativen Talfahrt der USA und dem Aufstieg Chinas und anderer Entwicklungsländer verbunden ist. Die Gefahr besteht darin, dass dadurch entstehende politische Spannungen, einschließlich des Protektionismus der USA, die Weltwirtschaft zerschlagen und die Welt in eine Rezession – oder etwas noch Schlimmeres – stürzen könnten (© Project Syndicate, 2008. Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.1.2008)

Zur Person
George Soros ist Vorsitzender der Soros Fund Management und Open Society Institute.
  • George Soros: "Die Krise des Finanzsystems wird zu einer radikalen Neuausrichtung der Weltwirtschaft führen."
    foto: standard/cremer

    George Soros: "Die Krise des Finanzsystems wird zu einer radikalen Neuausrichtung der Weltwirtschaft führen."

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