Pro Jahr um drei Monate älter

22. Jänner 2008, 18:40
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Das Durchschnittsalter eines Erdenbürgers steigt während des 21. Jahrhunderts von 29,7 auf 45,5 Jahre - mit Grafik

Das hat ein internationales Forscherteam am IIASA in Laxenburg ermittelt. Und im Jahr 2100 werden die über 60-Jährigen in Westeuropa 47 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

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Die Menschheit altert in nie da gewesenem Tempo. Das durchschnittliche Lebensalter der Weltbevölkerung nimmt derzeit pro Jahr um nahezu drei Monate zu. War der Erdenbürger zu Beginn des Jahrhunderts im Mittel 29,7 Jahre alt, ist er nunmehr 31, im Jahr 2020 wird er bereits 33 sein, im Jahr 2050 voraussichtlich 38,8 und Ende des 21. Jahrhunderts 45,5 Jahre. Seinen Höhepunkt wird das durchschnittliche Alterungstempo wahrscheinlich zwischen 2020 und 2030 erreichen.

Diese Prognosen stammen von einem Forscherteam des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg und wurden von der britischen Wissenschaftszeitschrift Nature online veröffentlicht.

Die Demografen Wolfgang Lutz, Warren Sanderson und Sergej Scherbow haben aufgrund alternativer Annahmen über die Entwicklung der Geburtenrate und der Lebenserwartung 4000 Simulationsrechnungen erstellt. In 88 Prozent der Szenarien erreicht die Welteinwohnerzahl während des 21. Jahrhunderts einen Gipfel und beginnt dann abzunehmen. Am wahrscheinlichsten werde das globale Bevölkerungsmaximum um 2070 erreicht sein.

Fast überall auf der Welt steigt die Lebenserwartung dank wachsenden Wohlstands, besserer hygienischer Verhältnisse und Verbesserungen der Gesundheitsversorgung. Dazu kommt nahezu überall ein Rückgang der Geburtenraten. In Ländern, die mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen, liegt die Kinderzahl pro Frau im Mittel derzeit unter zwei, erläutert Lutz auf Nachfrage des Standard.

Dabei ist schon die Ermittlung der aktuellen Daten mit großen Unschärfen verbunden, räumt der Demograf ein. So gibt die chinesische Regierung die mittlere Geburtenrate pro Frau seit langem unverändert mit 1,85 an, während die letzte Volkszählung auf nur 1,22 Kinder pro Frau kam. Zwischen diesen Werten liegen rund zwei Dutzend veröffentlichte Schätzwerte der tatsächlichen chinesischen Fertilitätsrate.

Kontinentale Differenzen

Lutz und sein Team haben den wahrscheinlichen Alterungspfad für einzelne Weltregionen ermittelt. Ihren Berechnungen nach wird in Westeuropa das Durchschnittsalter von derzeit 40 Jahren bis 2030 auf 44,7 Jahre und bis 2100 auf 53,5 Jahre anwachsen. In der Region Japan, Australien und Neuseeland ist ein Ansteigen des Durchschnittsalters von jetzt schon 42 Jahren bis 2030 auf 47,9 Jahre und Ende des Jahrhunderts auf 57,7 Jahre zu erwarten.

Jünger und dynamischer bleibt dank seiner höheren Geburten- und Einwanderungsraten Nordamerika, wo mit einer Entwicklung des Durchschnittsalters von derzeit 37 Jahren bis 2030 auf 41,3 Jahre und bis 2100 auf 49,5 Jahre zu rechnen ist.

Ein interessantes Maß der Alterung ist auch die durchschnittlich verbleibende Lebenserwartung der Bevölkerung. Während diese in Nordamerika während des 21. Jahrhunderts langsam, aber stetig zunimmt und in Westeuropa zumindest nicht wesentlich unter 40 Jahre sinken wird, hat der Chinesen oder Osteuropäer um 2050 im Mittel nur noch 35 Jahre vor sich.

Von der Politik traditionell stärker beachtet wird der Anteil der Bevölkerung über dem 60. Lebensjahr. Dieser dürfte in Westeuropa von derzeit 21 Prozent (weltweit 10 Prozent) bis 2030 auf 31 Prozent (weltweit 17 Prozent) anwachsen. Im Jahr 2100 werden die über 60-Jährigen in Westeuropa 47 Prozent und weltweit 32 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Während sich viele Regierungen noch schwertun, aus der rapiden Alterung die Konsequenzen für ihre sozialen Sicherungssysteme zu ziehen, weist Wolfgang Lutz auf zwei Vorbilder hin. So ist in den USA die Altersdiskriminierung verboten worden: Jobsucher dürfen nicht aufgrund ihres Alters benachteiligt werden. Schweden wiederum hat die Festsetzung des Pensionsalters der Politik entzogen. Seit drei Jahren ist es an die statistisch ermittelte Lebenserwartung gekoppelt. (Stefan Löffler/DER STANDARD, Printausgabe, 23.1.2008)

Veranstaltung-Tipp
Am 24. 1. hält Studienautor Wolfgang Lutz im Rahmen des Science-Events zur „Dynamik demografischer Entwicklungen“ das Einleitungsreferat. Ort: RadioKulturhaus in Wien, Beginn: 16 Uhr. Moderation: Dr. Gerfried Sperl. Mehr Information unter www.risikodialog.
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    Eine Frau mit Tochter in Pakistan. In Südasien wird das Durchschnittsalter der Bevölkerung bis zum Jahr 2100 um 20 Jahre steigen. Gründe dafür sind bessere Lebensbedingungen und die sinkende Geburtenrate.

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