Fließende CO2-Schleudern

22. Jänner 2008, 17:37
43 Postings

Im weltweiten Kohlenstoff-Kreislauf spielen Bäche und Flüsse eine viel größere Rolle als angenommen

Sie geben als Bioreaktoren erhebliche Mengen an Kohlendioxid ab, wie Forscher aus Wien zeigen.

***

Wien - Frühling in den Alpen: Schneeschmelze und Regen verwandeln die Berghänge in riesige durchtränkte Schwämme. Die Bäche sind angeschwollen, ihr Wasser ist trüb vor Schlamm und eingeschwemmtem Humus. Die kohlenstoffreiche Fracht wälzt sich über die Bäche und Flüsse zur Donau und erreicht irgendwann das Schwarze Meer.

Auf dem Weg stromabwärts bedienen sich zahllose Organismen des nahrhaften Angebots im Wasser, allen voran die Bakterien. Sie sind zu einem Großteil für die Zersetzung von Pflanzenresten und gelösten organischen Stoffen verantwortlich. Manches davon war lange Zeit an Land im Boden gelagert. Jetzt steht es den Stoffkreisläufen der Gewässer zur Verfügung. Die Folge: Ein wesentlicher Anteil des enthaltenen Kohlenstoffs wird "veratmet" und dünstet in Form von CO2 aus.

Bislang ging die Wissenschaft davon aus, dass im Boden gespeicherter Kohlenstoff überaus stabil und für aquatische Mikroorganismen kaum verfügbar sei. Diese Ansicht dürfte nunmehr widerlegt sein. Zusammen mit einem internationalen Expertenteam hat der Ökologe Tom Battin von der Universität Wien die Daten über den Kohlenstoffhaushalt der Bäche und Flüsse unseres Planeten zusammenfassend analysiert. Das Ergebnis hat globale Bedeutung.

Eine Gigatonne Kohlenstoff jährlich

Nach konservativer Berechnung werden weltweit pro Jahr mindestens 0,63 Gigatonnen ehemals landgebundener Kohlenstoff in Form von CO2 von Fließgewässern in die Atmosphäre abgegeben, schreiben Battin und seine Kollegen online vorab im Fachmagazin "Nature Geoscience". Einige Aspekte wie die Rolle tropischer Ökosysteme konnten jedoch nur mangelhaft berücksichtigt werden. Man könne davon ausgehen, dass der reale Wert bei ungefähr einer Gigatonne liegt, erklärt Tom Battin gegenüber dem STANDARD.

"Fließgewässer sind nicht einfach nur Leitungen, die Kohlenstoff zum Meer transportieren, sondern auch Bioreaktoren". Ihr Beitrag zum globalen Kohlenstoffhaushalt sei bisher vollkommen ignoriert worden. Zum Vergleich: Der Verbrauch von fossilen Brennstoffen setzt jährlich etwa sieben Gigatonnen CO2-gebundenen Kohlenstoff frei.

Interessanterweise zeichnen sich die zahlreichen kleinen und relativ kühlen Bäche am Oberlauf der Flusssysteme durch die höchsten Ausdünstungsraten aus. Die Ursache liegt im Verhältnis zwischen ihrem Wasserkörper und dem Bachbett. Letzteres besteht aus grobkörnigem Sand und Kies, welcher ständig durchströmt wird. Die Steine sind komplett von sogenannten Biofilmen überzogen - hochkomplexe Lebensgemeinschaften aus Bakterien und anderen Mikroorganismen.

Sie sind perfekt an die herrschenden Umweltbedingungen angepasst und setzen große Stoffmengen um. Tom Battin: "Viele Gebirgsbäche verfügen über einen enormen Schotterkörper, der bis in einen Meter Tiefe von solchen Biofilmen besiedelt ist." Leistungsfähige Bioreaktoren eben. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 1. 2008)

  • Auf den ersten Blick sehen sie harmlos aus. In Wahrheit geben Bäche jede Menge Kohlendioxid ab.
    foto: ch. fischer

    Auf den ersten Blick sehen sie harmlos aus. In Wahrheit geben Bäche jede Menge Kohlendioxid ab.

Share if you care.