Zombies mag man eben

21. Jänner 2008, 18:20
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Feine Sache: Mustergültig gutgelaunt und beschwingt erzählt das Schauspielhaus Händl Klaus’ "(Wilde) Mann mit traurigen Augen"

Doch der Tiefgang muss erst entstehen.

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Wien – Bislang – und wir sprechen gerade einmal von fünf, sechs Premieren unterschiedlichster Größenordnung – steht die Auftaktsaison des "neuen" Wiener Schauspielhauses emblematisch im Zeichen des Reisekoffers. Nach Johannes Schrettles einschlägiger Meditation zum Thema ein (wiewohl schon uraufgeführter) Nachtrag aus der gewohnt konzentrierten Feder von Händl Klaus.

(Wilde) Mann mit traurigen Augen flickt die geheimniskrämerischen Überreste eines in Schengen-Europa angesiedelten Railroadmovies zur sparsamen Off-Klamotte zusammen. Ein Herr Gunter Ladurner aus Bleibach (Stephan Lohse) trampt als Angestelltenkarikatur mit beigem Schalenkoffer durch die sommerliche Hitzeglut von Neumünster an der Lau. Über Bernhard Klebers Halfpipe-Bühne, die mit Krankenhausbetten und Wasserbehältern vollgestellt ist, schlägt Al Cook die Blues-Gitarre: ein Kuckucksvogel im Wartehäuschen; ein Ry Cooder in der weißlackierten Ziegelwand.

Weil man aber nicht weiß, ob in Neumünster eine Seuche gewütet oder einfach ein Atomblitz die Bevölkerung niedergestreckt hat, bekommt es Gunter mit einer vergnüglichen Ausgabe der Charles-Manson-Familie zu tun. Mit Überlebenden, die auf parasitärer Familienbasis die brachliegenden Einrichtungen plündern. Mit Futterverwertern – und fröhlichen Müllmännern in einer archaisch fundierten Nachzüglerkultur.

Ein Brüderpaar in abgeschnittenen Stangenanzügen (Steffen Höld, Vincent Glander) umschwirrt den in Verstörungsschweiß gebadeten Ankömmling wie ein Paar Aasvögel. Gunter, der doch nur der Hitze des Zugabteils zu entrinnen hoffte, sieht sich einer Art von fürsorglicher Belagerung durch "Emil" und "Hanno" ausgesetzt. Und hier greift Händls hohe Kunst der Aussparung: Sätze werden von ihm vertikal durch die je wechselnden Münder geschoben. Daraus entsteht ein heiteres Klippklapp: Man vervollständigt reihum Sätze, die fugenlos vieldeutig sind – die aber doch perlen, als würden sie im Moment ihrer Entstehung von allen im Voraus gewusst.

Das Brüderpaar entwickelt eine besonders widerwärtige Form der Gästebetreuung. Die Schlurfköpfe mit dem angeklatschten Haar rucken im Takt. Gunter in seinem lichtblauen Pullunder, der doch bloß weiterreisen will, weil die (angeblich toten?) Eltern in Bleibach auf ihn warten, muss die Gastfreundschaft annehmen und, in einem Verschlag gestrandet, seine Kunst als "Arzt ohne Grenzen" auf eine lungenkranke Schwester verwenden (Nicola Kirsch), die aber genauso gut eine verhuschte, auf dem Spitalsbett mit Blut um sich spritzende Eislaufprinzessin sein könnte.

Jahresfest der Zombies

Eine Jahresversammlung unglaublich sympathischer Zivilisationszombies, die von Regisseurin Susanne Lietzow in ihrer Spiellust auch noch großzügig befördert werden. Man kann gleichsam vorsatzlos das Schauspielhaus besuchen: sich an delektablen Proben eines aufgekratzten Ensembles erfreuen und obendrein frische Texte wie aus Anlass einer Degustationsprobe rückstandsfrei und ohne Reue sanft hinunterschlürfen.

Und so sei auch nur ein kleiner Einwand schüchtern vorgetragen: Irgendwann müssen auch die herrlichsten Musterkoffer bis auf den Grund ausgekippt werden. Bodensätze müssen sichtbar werden. Dann wird es auch wieder Zeit für Tragik – und den Blick auf die Zumutungen des Lebens. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 22.01.2008)

  • Pardauz, man kugelt sich in "Neumünster an der Lau": Vincent Glander strauchelt, Stephan Lohse, Steffen Höld und Nicola Kirsch (v. li.) sehen verdutzt zu.
    foto: ehrmann

    Pardauz, man kugelt sich in "Neumünster an der Lau": Vincent Glander strauchelt, Stephan Lohse, Steffen Höld und Nicola Kirsch (v. li.) sehen verdutzt zu.

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