Ex-Richterin: Europäer sollten gegen den "Diktator" protestieren

1. Februar 2008, 11:25
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Nasira Iqbal, ehemalige Richterin am Obersten Gericht in Lahore, sieht Wahlen in Pakistan in Gefahr

Lahore/Wien – Nasira Iqbal, ehemalige Richterin am Obersten Gericht in Lahore in Pakistan, findet am Telefon klare Worte: Die europäischen Vertreter, die Pakistans Präsident Pervez Musharraf diese Woche besucht – uneingeladen, wie sie betont –, sollen sich ihrer Verpflichtungen auf die europäischen Werte besinnen, wenn sie den „Diktator“ empfangen. Und die Menschen sollten gegen den Besuch protestieren.

Als Musharrafs Besuchszweck in Europa sieht Iqbal, dass sich dieser als einzig möglicher Partner im Kampf gegen den Terrorismus und als zuverlässiger Bewahrer der pakistanischen Atomwaffen präsentieren will, um sich die Unterstützung zu erhalten – obwohl ihn in Pakistan niemand mehr will, wie sie sagt. Iqbal befürchtet, dass die Europäer derart der Fortsetzung des Status quo in Pakistan verschrieben sind, dass sie nicht wirklich bereit sind, die Pros und Kontras abzuwägen.

Zerschlagung der pakistanischen Justiz

Wobei Iqbal – die auch immer wieder die Zerschlagung der pakistanischen Justiz durch Musharraf erwähnt – betont, dass der sogenannte Antiterrorkampf in Pakistan die Zivilbevölkerung in den betroffenen Gebieten grausamst in Mitleidenschaft zieht: „Ganze Dörfer sind leer, die Menschen sind draußen, ohne jede Unterkunft, Lebensmittel, bei Schnee und Kälte.“ Die Ex-Richterin fürchtet, dass Musharrafs Politik in Belutschistan letztlich zum Zerbrechen Pakistans führen könnte. „Musharraf zwingt uns, den Krieg der Amerikaner zu führen, und wir könnten dabei unser Land verlieren.“ Dabei fließe ein Teil des Geldes, das die USA für den Antiterrorkampf hergäben, auch noch in die Taschen Korrupter.

Iqbal, 67, bezeichnet den gesamten Zustand Pakistans als den schlechtesten, an den sie sich erinnern kann – gerade eben säße sie bei einem Notlicht da, weil wieder einmal der Strom ausgefallen sei.

Iqbal sieht mehrfach schwarz

Für die geplanten Wahlen am 18. Februar sieht Nasira Iqbal gleich mehrfach schwarz. Es sei klar, dass Musharraf keinerlei Unterstützung im Land mehr habe, deshalb hält sie für möglich, dass er unter dem Vorwand der schlechten Sicherheitslage die Wahlen noch absagt. Aber auch, wenn sie stattfinden: Alles werde systematisch für einen Wahlbetrug vorbereitet, von der Wahlkommission bis zur Einschüchterung der Menschen. Mit der Schwächung der Judikative sei Tür und Tor für Betrug geöffnet, die Verantwortlichen für die Wahllokale werden nach Bedarf transferiert. Die oppositionelle PPP (Pakistan Peoples Party) bezeichnet Iqbal als geeint und stark nach Benazir Bhuttos Tod. Sie wisse nicht, wer für deren Tod verantwortlich sei, aber es falle auf, dass Musharraf nichts dafür getan habe, dass der Mord aufgeklärt werden könne, im Gegenteil, alle Spuren wurden sofort beseitigt. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Printausgabe 22.1.2008)

  • Nasira Iqbal: Pakistan könnte zerbrechen.
    foto: semotan

    Nasira Iqbal: Pakistan könnte zerbrechen.

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