Interview: "Wir bezahlen Deppen­steuer"

18. Februar 2008, 14:34
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Der Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Markus Beyrer, zeigt sich vom EU-Vorschlag im STANDARD-Inter­view wenig begeistert

STANDARD: Die Industrie Westeuropas läuft Sturm gegen das Klimapaket der EU-Kommission. Was stört Sie?

Beyrer: Es ist ein Entindustrialisierungsprogramm. Unternehmen, die bereits große Vorleistungen finanziert haben, werden bestraft. Dass ab 2020 alle CO2-Emissionen bezahlt werden müssen, ist im weltweiten Wettbewerb ein großer Standortnachteil und vielfach nicht zu finanzieren. Die Unternehmen wandern dann aus der EU ab und können in Ländern produzieren, wo die Umweltvorschriften viel lockerer sind. Für die Umwelt unter dem Strich sicher eine negative und gefährliche Entwicklung, und wir verlieren Wohlstand und Arbeitsplätze.

STANDARD:Was schlagen Sie vor?

Beyrer: Ich hoffe noch immer, dass die Kommission noch ein Einsehen hat und die hundertprozentige Versteigerung fällt. Und es muss ein Benchmarksystem geben, wo umweltfreundliche Unternehmen für ihre Bemühungen belohnt werden. Wenn die Voest bereits die reinsten Hochöfen hat, muss das berücksichtigt werden.

STANDARD: Bei den erneuerbaren Energien soll Österreich bis 2020 einen Anteil von 35 Prozent erreichen. Die Regierung will sogar 45 Prozent erreichen. Ist das realistisch?

Beyrer: Schon die 35 Prozent sind jenseits des technisch Machbaren und rechnen sich auch wirtschaftlich einfach nicht mehr. Wir sind jetzt schon mit unseren 23 Prozent Europameister. Die EU geht da von der falschen Voraussetzung aus, dass der Stromverbrauch in Österreich nicht weiter ansteigt, und sie berücksichtigt nicht, dass in Österreich einige Bereiche, etwa die Wasserkraft, bereits ausgeschöpft sind. Die Vorgaben im Regierungsprogramm machen es nicht leichter, wir bezahlen dafür nun Deppensteuer. (Michael Moravec, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.01.2008)

  • Markus Beyrer (42) ist seit 2004 Generalsekretär der Industrie.
    foto: standard/christian fischer

    Markus Beyrer (42) ist seit 2004 Generalsekretär der Industrie.

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