"Verunsichert und überfordert"

21. Jänner 2008, 14:25
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Im hektischen Alltag haben es Ärzte und Pfleger mit Migranten oft schwer - Wie interkultu­relle Initiativen Entlas­tung für Personal und Migranten bringen können - Eine Diskussion

Die Internistin Karoline Kandel berichtet Sabina Auckenthaler vom Integrationsprojekt im Kaiser-Franz-Josef-Spital, der Psychiater David Vyssoki berät außerhalb des Krankenhauses.

STANDARD: Haben Migranten, wenn sie krank sind, andere Bedürfnisse und Probleme als Nichtmigranten?

Kandel: Zunächst haben sie all jene Probleme, die alle haben, die mit dem Gesundheitssystem in Kontakt kommen: Sie sind verunsichert und besorgt. Dazu kommen spezielle Probleme: Sie wissen nicht, wie das Gesundheitssystem funktioniert oder wer für sie zuständig ist. Weiters führen sprachliche Hürden und kulturelle Unterschiede oft zu Schwierigkeiten.

Vyssoki: Migration ist ein komplexes Geschehen. Wer seine Heimat verlässt, lässt Sprache und Kultur zurück. Oft konnten sich die Menschen nicht adäquat verabschieden und mussten auf ihrem Weg schlimme Erfahrungen machen. Viele sind, bevor sie in Österreich ankommen, monatelang unterwegs. All diese Erfahrungen - und die Reaktion des Ziellandes auf ihre Ankunft - spielen eine Rolle, wie sich Migranten in der neuen Umgebung, zu der auch das Gesundheitssystem gehört, zurechtfinden.

STANDARD: Migranten sind keine homogene Gruppe. Welche Themen hängen mit den jeweiligen Kulturen zusammen?

Vyssoki: Die Menschen kommen mit völlig unterschiedlichen Problemen zu uns. Aber es gibt auch zentrale Themen: Als Traumakompetenzzentrum haben wir es oft mit sexueller Gewalterfahrung zu tun, die nicht in jeder Kultur dieselben Folgen hat. Z. B. bedeutet dies für Familien aus islamischen Ländern eine extreme Zerreißprobe. Der Schutz der Familie gehört hier zu den Hauptaufgaben des Vaters. Wenn dann Frauen zum ersten Mal in ihrem Leben von Vergewaltigung sprechen, sind die Männer nicht nur schockiert, was mit der Frau passiert ist, sondern dazu auch massiv beschämt.

Kandel: Jede Gruppe hat spezielle Probleme. Das macht es schwierig, für ein so komplexes System wie ein Spital, das ohnehin nicht sehr flexibel ist, auf einzelne Gruppen einzugehen. Mehr als 30 Prozent der Bewohner Favoritens, des Haupteinzugsgebiets des Kaiser-Franz-Josef-Spitals, sind Migranten. Eine große Gruppe kommt aus dem ehemaligen Jugoslawien. Diese Patienten sprechen oft gut Deutsch und scheinen integriert zu sein, fühlen sich im Spital aber dann doch verunsichert und überfordert.

Die zweite große Gruppe sind türkische Migranten. Häufig gehörten sie in ihrer Heimat sozial benachteiligten Schichten an, nicht alle sind alphabetisiert. Seit einigen Jahren haben wir vermehrt auch Patienten aus afrikanischen Ländern. Manche von ihnen empfinden z.B. eine Blutabnahme als bedrohlich. Wir sind öfters mit der Vorstellung konfrontiert, dass mit dem Blut auch Kraft verlorengeht und dass das Blut gesammelt und verkauft wird. Es kann dann sehr schwierig sein, einen Weg zu finden, die Patienten adäquat zu behandeln.

Vyssoki: Kulturelle Unterschiede gibt es auch in Bezug auf den Umgang mit Krankheit überhaupt: In Europa und Amerika zieht man sich eher zurück, wenn man krank ist. In Asien und Afrika dagegen will man gerade dann die ganze Familie und Freunde um sich haben. Einen Kranken nicht zu besuchen bedeutet, ihn im Stich zu lassen. Auf der einen Seite stehen also bestimmte Erwartungen an Kranksein und einen Spitalsaufenthalt, andererseits gibt es Konflikte, wenn sich im Spital die Großfamilie versammelt.

Kandel: Das Problem mit den vielen Besuchern wurde in der Umfrage im Rahmen des MFH-Projektes sowohl vom Personal als auch von den Patienten genannt, allerdings aus entgegengesetzten Perspektiven. Im Zuge des Projektes haben wir dem Personal daher auch versucht zu vermitteln, dass wir nicht nur Verständnis fordern, sondern es auch stützen wollen. Denn es erschwert die Arbeit real, wenn das Zimmer voller Leute ist, und kann auch belastend für Mitpatienten sein.

STANDARD: Kulturelles Verständnis versus stressiger Spitalsalltag: Wie findet man hier einen Weg?

Vyssoki: Eine Kultur zu respektieren bedeutet nicht, die eigenen Grenzen zu ignorieren. Wir müssen lernen: Das sind meine Werte, das sind die Werte der anderen Kultur. Das müssen wir auch dem Pflegepersonal vermitteln, denn dieses verbringt im Gegensatz zu uns Ärzten ja viel Zeit mit den Patienten.

Kandel: In der Praxis müssen wir Kompromisse eingehen. Viel Zeit für Diskussionen haben wir im Alltag nicht. Wenn eine muslimische Patientin wünscht, von einer Ärztin untersucht zu werden, und eine Kollegin im Dienst ist und Zeit hat, entsprechen wir dem Wunsch. Sonst versuchen wir, so gut es geht, einen Konsens zu finden.

STANDARD: Gäbe es Möglichkeiten, Probleme im Zusammenhang mit kulturellen Eigenheiten im Spital zu reduzieren?

Kandel: Im Gesundheitsbereich arbeiten relativ viele Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, aber wenige aus der Türkei. Es gibt zwar einige zaghafte Versuche, mehr türkische Migranten für diese Berufe zu gewinnen, hier bräuchte es aber vermehrt Programme. Damit kann man sicher nicht alle Probleme lösen, aber doch einiges erleichtern.

Vyssoki: Ideal wäre, im Vorfeld eines Spitalaufenthalts anzusetzen. Experten sollten z. B. Heime und Anlagen, wo Migranten wohnen, regelmäßig besuchen, um dort die Bewohner zu beraten und Ärzten und Pflegern vor Ort Informationen anzubieten. So könnte man bei einem anstehenden Spitalsaufenthalt die Angehörigen über Vorgänge und Gepflogenheiten des Gesundheitssystems informieren und vorhandene Ängste - etwa dass mit dem Blut von Patienten gehandelt wird - abbauen. Ebenso sollte man das Spital vorab informieren: Jetzt kommt ein Patient mit diesem oder jenem Hintergrund.

STANDARD: Wie geht man mit sprachlichen Hürden um?

Kandel: In einigen Spitälern des Wiener Krankenanstaltenverbundes gibt es sogenannte muttersprachliche Beraterinnen, türkischstämmige, zweisprachige Frauen, die zum Beispiel in unserem Haus Gynäkologie und Geburtshilfe zugeordnet sind. Diese können wir fallweise auch für Unterstützung an anderen Abteilungen anfordern. Es gibt auch eine interne Liste, wo das Personal freiwillig seine Sprachkenntnisse einträgt. Das ist hilfreich, bringt aber auch Probleme: So sind Übersetzungssituationen oft mit seelischen Belastungen verbunden.

Wenn jemand zum Beispiel in der Psychiatrie dolmetscht, bräuchte er eigentlich eine Supervision. Auch Reinigungspersonal oder Angehörige werden als Übersetzer hinzugezogen, was ebenfalls problematisch ist. Wenn ich z. B. einer türkischen Frau erklären muss, dass Hepatitis B durch sexuellen Kontakt übertragen wird und ihr achtjähriges Kind dolmetscht, ist das für alle belastend. Manche Spitäler arbeiten mit einem externen Dolmetschdienst, den man anrufen kann. Übersetzungen via Telefon sind aber auch nicht optimal.

Vyssoki: Das Team von Esra besteht u. a. aus englisch-, hebräisch-, russisch-, serbisch- und spanischsprachigen Mitarbeitern. Damit können wir schon mit vielen Migranten gut kommunizieren. Wenn es nicht anders geht, schicken wir die Klienten z. B. an die Ambulanz für transkulturelle Psychiatrie am AKH, wo noch einmal mehr sprachliche Möglichkeiten vorhanden sind.

STANDARD: Welche Verbesserungsmöglichkeiten bezüglich der Sprachhürden sehen Sie?

Kandel: Zum Beispiel wären klarere Strukturen für muttersprachliche Beraterinnen wünschenswert. Das Berufsbild ist derzeit weder von der Ausbildung noch von den Kompetenzen her klar definiert. Nicht zu vernachlässigen ist auch der Faktor, wie schnell Asylanträge behandelt werden. Wenn man die Leute arbeiten und Deutsch lernen lässt, wird auch das Gesundheitssystem weniger belastet sein.

STANDARD: Ist das Gesundheitspersonal den steigenden Herausforderungen gewachsen?

Vyssoki: Das Gesundheitspersonal soll heute fachlich kompetent sein, mediatorische Fähigkeiten und kulturelles Verständnis haben, daneben eine Menge Berichte schreiben. Es wird also immer mehr verlangt, was zu Überlastungen führt.

Kandel: Das Personal stößt tatsächlich oft an seine Grenzen. Das Interesse an Fortbildungen im Bereich Migrationsmedizin ist groß, es gibt aber noch zu wenig davon. In der Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung ist das Thema inter- und transkulturelle Pflege im Ausbildungsplan zwar inhaltlich verankert, aber ohne fixe Stundenanzahl. Für Medizinstudenten gibt es meines Wissens nur ganz wenige Wahlveranstaltungen. Andere europäische Länder, unter anderen Deutschland, sind uns da einen Schritt voraus.

STANDARD: Ein wichtiger Schritt für die Zukunft?

Kandel: Es gibt eine Reihe von Beratungsstellen und Initiativen, die im Bereich Migrationsmedizin tätig sind. Anstatt ständig in neue, zeitlich begrenzte Projekte zu investieren, wäre es daher sinnvoller, die vorhandenen Ressourcen besser zu nutzen. Wir kennen die großen Probleme inzwischen. Wenn aber alle immer wieder bei null beginnen, ist die Luft draußen und das Geld aufgebraucht, bevor wirklich Maßnahmen in die Praxis umgesetzt werden. Ein wichtiger Schritt, der ansteht, ist daher die Vernetzung aller einzelnen Einrichtungen. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2008)

  • Karoline Kandel (45) ist Fachärztin für Innere Medizin, Infektiologie und Tropenmedizin im Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien. Sie erwarb das Diplom für Hygiene und Tropenmedizin an der London School for Hygiene and Tropical Medicine und absolvierte Praktika in Gambia und Burkina Faso. Von Oktober 2002 bis Dezember 2004 leitete sie das Projekt "Migrant Friendly Hospitals" am Kaiser-Franz-Josef-Spital im Rahmen eines EU-weiten Programms.
    foto: standard/matthias cremer

    Karoline Kandel (45) ist Fachärztin für Innere Medizin, Infektiologie und Tropenmedizin im Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien. Sie erwarb das Diplom für Hygiene und Tropenmedizin an der London School for Hygiene and Tropical Medicine und absolvierte Praktika in Gambia und Burkina Faso. Von Oktober 2002 bis Dezember 2004 leitete sie das Projekt "Migrant Friendly Hospitals" am Kaiser-Franz-Josef-Spital im Rahmen eines EU-weiten Programms.

  • David Vyssoki (59) ist Mitbegründer und ärztlicher Leiter des psychosozialen Zentrums Esra, Anlaufstelle für schwere Traumata - oft in Zusammenhang mit Migration. Der Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und Psychotherapeut für systemische Familientherapie ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Psychotraumatologie der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie sowie der Österreichischen Gesellschaft Psychotraumatologie.
    foto: standard/matthias cremer

    David Vyssoki (59) ist Mitbegründer und ärztlicher Leiter des psychosozialen Zentrums Esra, Anlaufstelle für schwere Traumata - oft in Zusammenhang mit Migration. Der Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und Psychotherapeut für systemische Familientherapie ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Psychotraumatologie der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie sowie der Österreichischen Gesellschaft Psychotraumatologie.

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