Leben außer Kontrolle

21. Jänner 2008, 17:05
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Menschen mit der Borderline-Persönlichkeits­störung kennen keine Grenzen, oft suchen sie diese im Schmerz - dann zeugen Narben von einem Dasein am Limit

Sie sind spontan, unbekümmert, leidenschaftlich - allerdings in Überdosis. Sie schwärmen in höchsten Tönen von daheim, vom Liebsten, vom Job - um unvermittelt alle und alles in Grund und Boden zu stampfen. Sie fallen einem um den Hals und wollen einem im nächsten Moment die Augen auskratzen.

 

Ein fataler Irrtum

Menschen mit Borderline- Persönlichkeitsstörung (BPS) kennen keine Grenzen, weder eigene noch andere. Ihrer Szenen sind gefürchtet und werden dennoch oft als Überspanntheit oder jugendliche Überreaktion abgetan. Ein fataler Irrtum, der den Beginn einer Therapie verzögert.

Psychiater und Therapeut Peter Gathmann, Pionier der österreichischen Borderline-Therapie, appelliert an Angehörige, die Hinweise auf eine Störung nicht zu bagatellisieren: "Es ist eine Erkrankung und keine Schande, sie nicht selbst managen zu können.

Definition der WHO

Zwischen ein und zwei Prozent der Bevölkerung leiden an "Borderline". Die Definition der Weltgesundheitsorganisation kennt zwei Erscheinungsformen.

Impulsiver BPS-Typus Einerseits gibt es den impulsiven BPS-Typus - emotional instabil, mit mangelnder Impulskontrolle - andererseits eine Spielart, die zusätzlich durch Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen gekennzeichnet ist. Daraus ergibt sich ein chronisches Gefühl von Leere Beziehungen sind intensiv, aber unbeständig und zudem besteht eine Neigung zu selbstdestruktivem Verhalten und Suizidversuchen.

Vorallem junge Menschen und Frauen

Frauen sind dreimal öfter betroffen als Männer, die Krankheit tritt vor allem bei jungen Menschen auf. "Im jungen Erwachsenenalter stürzen viele Dinge auf den Menschen ein. Vieles ist noch ungeklärt, Ausbildung, Studium, Beruf. Beziehungsmäßig ist es eine Zeit der Turbulenzen", nennt die Psychotherapeutin Carina Brey die äußere Instabilität als einen möglichen Auslöser.

Essstörung oder Sucht

Oft geht eine Borderline-Störung mit Essstörungen oder Suchtexzessen einher. Bei Mädchen und jungen Frauen ist autoaggressives Verhalten stark verbreitet. Sie ritzen sich die Arme mit Rasierklingen auf, schneiden sich, stechen sich in die Augen, rennen mit dem Kopf gegen die Wand.

Durchgeknall. Seelensprung

"Ich machte ein paar Schularbeiten, dann schlug ich eine halbe Stunde mein Handgelenk auf die Kante, dann beendete ich meine Schularbeiten, dann wieder in den Sessel und noch ein bisschen schlagen, bevor ich mir die Zähne putzte und zu Bett ging. Vorher hatte ich eine Phase gehabt, in der ich mir das Gesicht zerkratzt hatte", so beschreibt Susanna Kaysen in ihrem Buch "Durchgeknallt. Seelensprung" ihre Leidensgeschichte.

Verfilmung "Girl, interrupted"

Es ist die Geschichte von Susanna, die mit 18 Jahren nach einem Suizidversuch in der Psychiatrie landet. In der Verfilmung "Girl, interrupted" gab Winona Ryder der Krankheit Borderline ein Gesicht. Mit Psychopharmaka per Spritze wie im Film ist den Betroffenen aber nicht geholfen. Peter Gathmann: "Zentral ist bei der Behandlung die modifizierte Psychotherapie, Medikamente werden nur zur symptomatischen Hilfestellung eingesetzt."

Ursache in der frühen Kindheit

Die Hintergründe für BPS werden in der frühen Kindheit vermutet. Vernachlässigung, Überfürsorge, Gewalt, aber auch Erkrankungen oder Unfälle sind mögliche Ursachen. Überproportional häufig wurden BPS-Patientinnen Opfer sexueller Gewalt - das könnte auch Ursache für Selbstverletzungen sein.

Gefühlsvakuum

Gathmann hört von Patientinnen immer wieder, "dass sie nichts spüren". Dieses "innere Loch" müsse mit einem anderen starken Gefühl - nämlich Schmerz - gefüllt werden. "Erst wenn ich das Blut fließen sehe, weiß ich, dass ich am Leben bin", sei einer der wiederkehrenden Sätze von Patientinnen.

Folge von Missbrauch

"Wenn diese Frau ein Missbrauchsopfer ist, ergibt sich folgende Logik: Ein kleines Kind, das missbraucht wird, schaltet ab. Es dimmt seine Sensibilität, um zu überleben", erklärt Gathmann. Wenn der Missbrauch über Jahre geht, sei die Analgesie, das Reduzieren des Schmerzempfindens, häufig. "Es ist nicht verwunderlich, dass solche Patientinnen Störungen in der Interaktion haben, etwa in der Sexualität. Ihre Fähigkeit, Gefühle zu erleben und wiederzugeben, fehlt."

Gute Heilungschancen

Wie und ob das Schmerzempfinden bei Borderline-Störungen gesteuert werden kann, ist derzeit Gegenstand internationaler Forschungen. Wird eine Borderline-Erkrankung konsequent psychotherapeutisch behandelt und durch ein wertschätzendes Umfeld unterstützt, bestehen gute Heilungschancen. (Jutta Berger, Medstandard, Printausgabe, 21.01.2008)

  • Borderline à la Hollywood 1999: Winona Ryder als Susanna landet in "Durchgeknallt" in der Psychiatrie.
    foto: columbia pictures, inc.

    Borderline à la Hollywood 1999: Winona Ryder als Susanna landet in "Durchgeknallt" in der Psychiatrie.

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