Ein Embryo aus Forscherhaut

28. Jänner 2008, 10:36
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US-amerikanischen Genetikern gelang es, einen menschlichen Embryo aus einer entkernten Eizelle und dem Erbgut einer spezialisierten Hautzelle zu erzeugen

Beim entscheidenden Schritt - der Herstellung embryonaler Stammzellen - scheiterten sie aber noch.

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San Diego - Womöglich war Klon-Pionier Ian Wilmut, der "Vater" des Klonschafs Dolly, doch ein wenig vorschnell. Nachdem japanische und US-amerikanische Wissenschafter Ende November einen Durchbruch bei der Reprogrammierung von "erwachsenen" Hautzellen zu einer Art von embryonalen Stammzellen (sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen, iPS) vermeldet hatten, beschloss er, seine bisherigen Bemühungen aufzugeben und ganz auf die neue Methode umzusatteln.

Wilmut hatte bis dahin an menschlichen Zellen vergeblich das versucht, was bei Mäusen und Ratten bereits gelungen war: nämlich die Herstellung von embryonalen Stammzellen durch Zellkerntransfer. Nun berichten Genetiker des kalifornischen Forschungsinstituts Stemagen in der Fachzeitschrift "Stem Cells", dass ihnen das gelungen sei. Aber eben auch nur fast.

Methode wie bei Dolly

Die Forscher setzten dabei nach eigenen Angaben die gleiche Technik ein, mit der schon Klonschaf Dolly 1996 produziert wurde. Dabei wurde zunächst die Eizelle einer Spenderin entkernt - in diesem Fall stammten die insgesamt 29 benötigten Eizellen von drei 20- bis 24-jährigen Frauen. Sie hätten ihre Zelle der Forschung kostenlos zur Verfügung gestellt, betonten die Forscher.

In einem zweiten Schritt entnahmen die Forscher den Kern einer erwachsenen männlichen Körperzelle und pflanzten ihn in die leere Hülle. In dem Fall handelte es sich um die DNA aus der Hautzelle eines der beteiligten Genetikers, nämlich von Samuel Wood. Er ist damit im Übrigen der erste Forscher der Geschichte, der eine lebende Entität aus seinen eigenen Zellen herstellte, ohne dafür seine Samenzellen zu verwenden.

Die in den Hautzellen enthaltenen Substanzen programmierten den erwachsenen Kern in ein frühes Stadium zurück, so dass sich der "alte" Kern teilte und zu einem "neuen" Embryo entwickelt. Im konkreten Fall gelang das bis zum Stadium der Blastozysten. Zu diesem frühen Zeitpunkt der Embryonalentwicklung, der bei der natürlichen Entwicklung nach rund fünf Tagen eintritt, besteht der Embryo aus rund 70 Zellen.

Die Forscher gehen davon aus, dass sie erstmals einen menschlichen Embryo durch das Dolly-Verfahren erzeugt haben. Bei den Tests allerdings, die belegen, dass es sich um echte Klone handelte, seien die wenige Tage alten Embryonen jedoch zerstört worden. Damit konnten auch keine der begehrten embryonalen Stammzellen gewonnen werden.

Bereits 2004 hatte der südkoreanische Forscher Hwang Woo Suk vermeldet, menschliche Embryonen geklont zu haben. Die Forschungsergebnisse stellten sich jedoch bald als gefälscht heraus.

Experten reagierten auf das Experiment nun zwar angetan, aber nicht übertrieben euphorisch. Stammzellexperte Robert Lanza etwa, Chef-Forscher von Advanced Cell Technology, meinte, dass der Embryo "sehr ungesund" aussehe.

Konrad Hochedlinger, österreichischer Stammzellforscher in Harvard, meinte auf Standard-Anfrage: "Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Der wahre Durchbruch wäre aber die Herstellung von embryonalen Stammzellen gewesen."

Doch auch forschungspolitisch sei diese Studie relevant: "Sie zeigt einmal mehr, dass alle Wege zur Schaffung von embryonalen Stammzellen weiter verfolgt werden müssen, da wir noch nicht wissen, welche Methode letztlich die besseren Zellen liefert." (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20. 1. 2008)

---> Stammzellen: Parteien für Neuregelung

Stammzellen: Parteien für Neuregelung

Bestimmungen sollen gelockert werden

Wien - Eine breite parlamentarische Mehrheit zeichnet sich für eine Lockerung der derzeit geltenden Regelungen für die Gewinnung humaner embryonaler Stammzellen (ES) ab. Vertreter der SPÖ, ÖVP, Grünen und FPÖ konnten sich bei der Abschlussdiskussion der am Freitag beendeten Tagung zur Stammzellforschung zumindest vorstellen, dass für die Herstellung von ES jene Embryonen verwendet werden, die bei der Befruchtung außerhalb des Mutterleibs (In-vitro-Fertilisation, IVF) überbleiben und nach spätestens zehn Jahren vernichtet werden müssen.

SPÖ-Justizsprecher Hannes Jarolim sprach sich bei der vom Institut für Ethik und Recht in der Medizin und der Bioethikkommission in Wien organisierten Veranstaltung dafür aus, die bei der IVF übrigbleibenden Embryonen zu Forschungszwecken einzusetzen, "da diese ohne eine weitere Verwendung ohnehin vernichtet würden".

Ähnlich argumentiert Grünen-Wissenschaftssprecher Kurt Grünewald, der sich gleichzeitig klar gegen eine Erzeugung von Embryonen nur zum Zweck der ES-Forschung aussprach.

"Verlogene" Rechtslage

Für VP-Wissenschaftssprecherin Gertrude Brinek sei es "verlogen", dass nach derzeitiger Rechtslage die Erzeugung von ES aus IVF-Embryonen verboten ist, auf der anderen Seite aber ES-Linien importiert werden dürfen. Für sie sei der "Zug international längst unterwegs", Österreich könne sich nicht abkoppeln.

Auch FP-Wissenschaftssprecher Martin Graf war für eine "Lockerung des bestehenden Verbots zur Gewinnung von ES", die Nutzung der überzähligen IVF-Embryonen dafür sei "überlegenswert". Zurückhaltender äußerte sich BZÖ-Wissenschaftssprecher Gernot Darmann, er wartet in dieser Frage auf "eindeutige Empfehlungen der Experten".

Klar für eine Neuregelung der derzeitigen gesetzlichen Lage sprechen sich die beiden Koalitionsparteien aus. Dem grünen Wissenschafts- und Gesundheitssprecher Kurt Grünewald war ein isoliertes Stammzellen-Gesetz "zu eng", weil in diesem Bereich noch "manch anderes reformbedürftig ist, wie die Präimplantations-Diagnostik oder die Eizellspende". (APA, tasch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20. 1. 2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    US-Forscher Andrew French zeigt das Bild eines Embryos, der aus einer Hautzelle seines Kollegen geklont wurde.

  • Die von den Genetikern verwendete Technik des Zellkerntransfers in ihrer Abfolge. C5 zeigt den Embryo, der laut Expertenmeinung allerdings "sehr ungesund" aussieht.
    foto: stemagen

    Die von den Genetikern verwendete Technik des Zellkerntransfers in ihrer Abfolge. C5 zeigt den Embryo, der laut Expertenmeinung allerdings "sehr ungesund" aussieht.

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